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Vor 60 Jahren : Der Dienst und der Volksaufstand

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Bild: rbb/Gerhard Treblegar/Schmidt &

Die sagenumwobene „Organisation Gehlen“, der Vorläufer des BND, war trotz ihres großen Agentennetzes in der DDR am 17. Juni 1953 nicht in der Lage, die Entwicklungen in Ost-Berlin und anderswo zutreffend einzuschätzen. In Pullach hörte man viel Radio - und manche ließen sich sogar das Bier schmecken, zumal die Auswerter hinter den Demonstrationen doch nur ein perfides Manöver des Kremls vermuteten.

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          Was machten die Mitarbeiter der geheimnisumwitterten Organisation Gehlen am 17. Juni 1953? Bis zum Mittag jenes Tages wohl sehr wenig. Das legt eine „Chronologie der Unruhen“ nahe, die der Bundesnachrichtendienst (www.bnd.bund.de) im Zuge der Aufarbeitung seiner Geschichte, die auch den Vorläufer, also die Organisation Gehlen (Org. G.) einbezieht, jetzt zugänglich gemacht hat. Unter den 34 freigegebenen Dokumenten ist der Eintrag aus der „Chronologie“ über den 17. Juni um 13.15 Uhr der erstaunlichste: „In Anwesenheit von Leiter 50 Telefongespräche 50 D mit 36, 45.0, 30a, 40 und 30d. Grundtenor: Es muss etwas passieren - ,Zentrale hat keine Zeit mehr, kleine Helle zu trinken’.“

          Hinter den nüchternen Zahlen verbargen sich nicht nur Bier-, sondern womöglich auch Weintrinker: 50 war die Dienststelle Allgemeine Nachrichtenbeschaffung (militärisch-wirtschaftlicher Bereich), 50 D die Abteilung Allgemeine Nachrichtenbeschaffung DDR, 36 die Dienststelle Funk- und Nachrichtenaufklärung und 45 die Dienststelle Auswertung. 30a war der Code für einen Mitarbeiter der Leitung der Organisation, „zuständig für Gesamtführung“, 40 für die Dienststelle Gegenspionage und politische Nachrichtenbeschaffung, hinter 30d verbarg sich ein weiterer Mitarbeiter der Leitung der Organisation Gehlen, „zuständig für Sonderaufträge und Verbindungsoffizier“. Zwischen 13.45 Uhr und 14.45 Uhr soll „alles Nötige veranlasst“ worden sein, so dass ein Rundruf aus dem „Büro 30.0“ - Gehlen-Stellvertreter Horst von Mellenthin - die Pullacher erreichte: „Zentrale trinkt keine kleinen Hellen! 16.00 Uhr Gruppenleiterbesprechung.“ 15 Minuten später „der Anruf einer Sichtung bei 50 D, die im Scherz fragt, wann in der Zentrale Maschinenpistolen ausgegeben werden“.

          Etwa zur selben Zeit trat in Bonn Bundeskanzler Adenauer vor den Bundestag: „Wie auch die Demonstrationen der Ostberliner Arbeiter in ihren Anfängen beurteilt werden mögen, sie sind zu einer großen Bekundung des Freiheitswillens des deutschen Volkes in der Sowjetzone und in Berlin geworden. Die Bundesregierung empfindet mit den Männern und Frauen, die heute in Berlin Befreiung von Unterdrückung und Not verlangen.“ Sie sollten sich „nicht durch Provokationen zu unbedachten Handlungen hinreißen lassen, die ihr Leben und die Freiheit gefährden könnten“, sagte der Regierungschef und reagierte damit darauf, dass der sowjetische Stadtkommandant General Dibrowa ab 13 Uhr den Ausnahmezustand für Ost-Berlin verfügt hatte. Verboten waren „alle Demonstrationen, Versammlungen, Kundgebungen und sonstige Menschenansammlungen über drei Personen“ auf Straßen und Plätzen sowie in öffentlichen Gebäuden. Anderthalb Stunden zuvor waren sowjetische Panzer im Stadtzentrum aufgefahren, um eine unüberschaubare Menge von Demonstranten einzuschüchtern; trotz Warnschüssen kam es zu Zusammenstößen und Steinwürfen. Bald waren die ersten Demonstranten tot.

          Welche Rolle spielte die Organisation Gehlen (der spätere BND) in der Vorgeschichte und während des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953? Über welche Informationen verfügte Pullach? Um solche Fragen zu beantworten, war man bisher vornehmlich auf die 1971 veröffentlichten Memoiren des legendären BND-Präsidenten Reinhard Gehlen (“Der Dienst“) angewiesen. Demnach hätten sich in den ersten Monaten des Jahres 1953 nach Stalins Tod die Anzeichen für eine scheinbare „Liberalisierung“ in der sowjetischen Besatzungszone gehäuft: „Als Ende Mai überraschend weitere Normerhöhungen angeordnet wurden, trafen sich die Wünsche der Gesamtheit nach größerer persönlicher Freiheit mit der Empörung der Schaffenden über die fortgesetzte Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Am 16. Juni 1953 demonstrierten erstmalig Berliner Bauarbeiter gegen die Regierung des ersten deutschen ,Arbeiter- und Bauernstaates’ in Ost-Berlin. Die Proteste setzten sich am Morgen des 17. Juni mit einem Generalstreik fort . . . Für Stunden schien das Schicksal der Machthaber in Pankow besiegelt; da griffen die Sowjets ein, um die Volkserhebung in Mitteldeutschland mit Waffengewalt niederzuschlagen. Sowjetische Panzer überrollten wehrlose Menschen; sie retteten Ulbricht, während die Bevölkerung der Zone aus kurzem Freiheitsrausch in die graue Lethargie des kommunistisch diktierten Alltags und die Trauer um die Opfer des Widerstands zurückfiel.“

          Es gebe viele Beweise dafür, dass die Volkserhebung „ein spontaner und elementarer Akt war, vergleichbar nur der Aufstandsbewegung in Ungarn gut drei Jahre danach. Dass dennoch von sowjetischer Seite versucht wurde, den Dienst der planmäßigen Vorbereitung des 17. Juni zu verdächtigen, ließ erkennen, dass er zum Hauptziel einer umfangreichen und permanenten östlichen Diffamierungs-Welle bestimmt war.“

          Im April 1953 hätte das Ost-Berliner Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten noch die alliierten Nachrichtendienste für die Spannungen verantwortlich gemacht, nach dem Aufstand hätten sich „die Angriffe auf unseren Dienst“ konzentriert. Der im Juli 1953 ernannte Stasi-Chef Ernst Wollenweber, ein „international berüchtigter Berufsrevolutionär und Sabotage-Experte“, habe den Auftrag gehabt, „unseren Dienst zu zerschlagen und seine Übernahme durch die Bundesregierung ein für allemal zu verhindern“.

          Zum großen Propheten stilisierte sich Gehlen nicht. Er zog es vor, die Bedrohung seines Dienstes durch die Stasi hervorzuheben. Dabei vergaß er zu erwähnen, dass das Politbüro der SED am 9. Juni und der Ministerrat am 11. Juni 1953 den „Neuen Kurs“ verkündet hatten, was - wie im Auswärtigen Amt in Bonn am 16. Juni der Diplomat Hasso von Etzdorf erkannte - „durch die sich immer mehr verschärfende Versorgungskrise mitveranlasst worden“ sei, „die die Stimmung der Bevölkerung auf einen Tiefstand gebracht hatte“. Dahinter vermutete Etzdorf die Sorge des Kremls „vor einem nicht wiedergutzumachenden Prestigeverlust“. Die sowjetische Besatzungszone sei „den Blicken der Außenwelt, schon von Berlin aus, viel mehr ausgesetzt als die Sowjetunion selbst. Das Elend der Bevölkerung sowie die Flucht von täglich 1500 bis 2000 Personen gefährden in hohem Maße das Ansehen des Weltkommunismus sowie der Sowjetunion als Besatzungsmacht.“ Dies sei angesichts der Bundestagswahl im September „besonders unerwünscht“.

          Mit dem „Neuen Kurs“ war allerdings nicht die im Mai beschlossene Erhöhung der Arbeitsnormen rückgängig gemacht worden. Diese Kompromisslosigkeit brüskierte die Arbeiterschaft, so dass es auf einer Baustelle des Krankenhauses Berlin-Friedrichshain am Montag, dem 15. Juni, zu Arbeitsniederlegungen kam. Darüber - wie auch über alles nun Folgende - berichtete der RIAS im westlichen Teil Berlins laufend und umfassend, so dass es zwischen dem 16. und dem 21. Juni in 701 Orten zu Demonstrationen, Kundgebungen, Streiks oder Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Einrichtungen des SED-Regimes kam.

          Die „Chronologie der Unruhen“ hielt für den 16. Juni und die Pullacher Zentrale mit der Zeitangabe 19.45 Uhr fest: „Nachrichten des Bayrischen Rundfunks, dass in Ost-Berlin Demonstrationen stattfanden.“ Die Abteilung Allgemeine Nachrichtenbeschaffung setzte sich daraufhin mit dem Leiter der Dienststelle Auswertung (45) in Verbindung: „Gegenseitige Bestätigung ,dumpfer und ahnungsvoller Gefühle’. Leiter 45 plädiert für eine Aufpulverung des Feldes, was nach Abwägung der Fakten unter Hinweis auf bereits Veranlasstes, auf bekannte Tüchtigkeit der Berliner Nachrichtendienst-Führer und nicht zuletzt aus Ressortgründen (Politik!) unterbleibt.“

          Für den 17. Juni, 8 Uhr wurde festgehalten: „Nachrichten des Bayerischen Rundfunks, ,dass seit den frühen Morgenstunden Arbeiter in und nach Ost-Berlin marschieren’.“ Eine halbe Stunde später erwog man, am folgenden Tag „aus dem eigenen Stab eine Persönlichkeit nach Berlin“ zu schicken, um „vorne“ führen zu lassen: „Wichtig ist nicht, was sich nach außen, sondern was sich hinter den Kulissen abspielt. Linie behalten!“ Aus dem Radio erfuhren die Pullacher, die in der DDR über annähernd 700 Agenten verfügten, um 13 Uhr vom „Ausnahmezustand in Ost-Berlin“ und vom „Einsatz sowjetischer Truppen gegen Demonstranten“. Um 15 Uhr wurde eine streng vertrauliche „Übersicht“ abgeschlossen: Die jüngsten Ereignisse „zeigen an, dass Ulbricht und Grotewohl schwere Tage bevorstehen. Es besteht kein Zweifel, dass die Demonstrationen der Arbeiterschaft, zumindest in der Anfangsphase, inszeniert wurden, um damit die scheinbare Bereitschaft der Sowjets anzukündigen, den Sowjetisierungskurs zugunsten der Wiedervereinigung Deutschlands nachhaltig zu bremsen - vielleicht sogar unter Preisgabe der mit ihm verbundenen hohen Funktionäre.“

          Dieser Verschwörungstheorie widersprach ein - erst am 19. Juni vorliegender - Bericht von „V 3544“, der im Westteil der Stadt wohnte, sich am 17. Juni in den Ost-Sektor begab und am Potsdamer Platz etwa „dreitausend Demonstranten“ sah, die in Richtung Leipziger Straße marschierten: „Sektorengrenzen gab es in diesem Augenblick keine mehr, denn auch West-Berliner schlossen sich der Demonstration im Ost-Sektor an.“ Nun standen im Regierungsviertel des Ost-Sektors vier Panzer T 34, „die durch sowjetische Infanterie vor den Demonstrierenden geschützt werden sollten“. „V 3544“ beobachtete, wie „Kioske der SED und mehrere Propaganda-Säulen in Brand“ gesteckt wurden und „wie vom Brandenburger Tor die rote Fahne heruntergeholt wurde. Gleichzeitig wurde der Berliner Bär und eine schwarzrotgoldene Fahne gesetzt. Letztere wollte aber nicht ganz hoch.“ Ost- und West-Berliner hätten „sich gegenseitig in Schmährufen auf die Sowjetsoldaten“ überboten: „Die Sowjets verhielten sich ruhig und ließen alles über sich ergehen. Die T 34 standen in die Tiefe der Straße gestaffelt. Einer war vorgezogen, die restlichen drei waren dahinter aufgefahren. Ich hielt mich immer etwas seitlich und abgesetzt. Gegen 15.30 Uhr wurde von den Versammelten das Deutschlandlied angestimmt und auch gesungen. Erst jetzt setzte sich der 1. Panzer in Marsch und fuhr auf die Menge zu. Er schoss dabei zunächst mit Platzpatronen über die Köpfe (aus einem MG) hinweg. Aber ganz kurz darauf wurde schon scharf geschossen, immer noch über die Köpfe, die Einschläge krachten in das Columbus-Haus. Die Demonstranten stürmten in alle Himmelsrichtungen auseinander und nahmen teilweise volle Deckung. Ich selbst lag flach auf der Straße. Die drei anderen T 34 schlossen auf. Kaum hatten die Sowjets ihr Feuer eingestellt, strömten die Demonstranten unter Pfui- und Schmährufen wieder gegen die Panzer vor. Die Sowjets wurden überschüttet mit Rufen ,Ihr Schweine, Strolche, Arbeiterverräter und Verbrecher’.“

          Als Verstärkung rückte auch die Kasernierte Volkspolizei (KVP) der DDR, „lauter 17- und 18-Jährige“, mit ihren Karabinern an: „Auch die KVP stand eisern und hielt Disziplin“ - bis ein KVP-Offizier, der die Menge vergeblich zu beruhigen versucht hatte, „Feuer frei“ gab. Ein Unteroffizier „schoss aus seiner Pistole, die Mannschaften hielten ihre Karabiner auf die Beine der Demonstranten . . . Es gab Verletzte und einen Toten. Alles stob auseinander, kam aber gleich wieder zurück.“ Am späteren Nachmittag kehrte „V 3544“ zu Fuß zu seiner Wohnung zurück.

          Am Nachmittag dieses 17. Juni fand in Pullach die Gruppenleiterbesprechung statt. „Krisenzeiten verlangen ruhigen Kopf“, hieß es, und: „Sorge der Führung und von 50 D, dass infolge Ausnahmezustand keine Ostzonen-Quellen mehr nach West-Berlin durchkommen.“ Unter der Uhrzeit 16.30 Uhr wurde vermerkt: „Kurze Lageorientierung der Gruppenleiter durch 30 persönlich.“ Die Nummer 30 war der Mann, der sich am liebsten nie oder höchstens mit Hut und Sonnenbrille fotografieren ließ: der vormalige Generalmajor Gehlen. 1942 war er Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ im Oberkommando des Heeres geworden. Vor Kriegsende ließ er seine Archive vergraben und begab sich in amerikanische Gefangenschaft. Auf Betreiben der amerikanischen Besatzungsmacht durfte er 1946 mit anderen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen zunächst in Oberursel und seit Ende 1947 in Pullach seine Org. G. aufbauen.

          Die Organisation kam während der Gründungsphase der Bundesrepublik im Juli 1949 in die Obhut des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes „Central Intelligence Agency“ (CIA), also unter die Aufsicht des ebenfalls in Pullach ansässigen Colonel James H. Critchfield. Fortan war Gehlen Diener zweier Herren, denn in der Bonner Regierungszentrale fühlte sich Hans Globke, zunächst als Abteilungsleiter und später als Chef des Bundeskanzleramtes, als Schutzpatron der „Org. G.“, die 1956 als BND in die Bundesverwaltung überführt werden sollte.

          Was Gehlen seinen Mannen am 17. Juni sagte, ist nicht überliefert - oder wenigstens bis heute von der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968“ (Sprecher: Klaus-Dietmar Henke) sowie der BND-internen Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“ (Leiter: Bodo Hechelhammer) noch nicht gefunden. Allerdings lassen sich die Einschätzungen der Gehlen-Leute zum 17. Juni anhand der freigegebenen Faksimiles rekonstruieren. So ist einem „Beitrag zur Tagesmeldung vom 18.6.“ zu entnehmen, dass der „Gesamteindruck über die Unruhen in Ost-Berlin und der Sowjetzone“ die Pullacher Auffassung bestätigte, dass es sich bei den „Vorgängen im Ansatz um eine von offizieller sowjetischer Seite in Szene gesetzte Aktion handelt mit dem Ziel, die Frage der Wiedervereinigung im innerdeutschen Rahmen ins Rollen zu bringen und hierfür bestimmte Hemmnisse auf östlicher Seite (Ulbricht etc.) zu beseitigen“. Im „tatsächlichen Verlauf“ sei „die ausgelöste Bewegung über das beabsichtigte Maß hinausgegangen durch Entfesselung von in diesem Umfang offenbar nicht vermuteten Widerstandskräften. Inzwischen scheint es jedoch gelungen zu sein, die Kettenreaktion abzufangen und überschießende Tendenzen als Störaktionen ,westlicher Agenten’ zu erklären.“

          Wesentlich nüchterner und zutreffender betrachtete der Vortragende Legationsrat Erich Meynen, der Leiter der Dienststelle Berlin des Auswärtigen Amts, am Abend des 17. Juni in seinem Fernschreiben nach Bonn die Lage: „Stimmung Ost-Berliner Bevölkerung gegen SED, ostzonale Politiker und Sowjetbesatzung anscheinend äußerst erbittert.“ In einer Erklärung des SBZ-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl würden die „Unruhen als Werk ,faschistischer und anderer reaktionärer Elemente in West-Berlin’ und von ,Provokateuren und Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus deutschen kapitalistischen Monopolen’ bezeichnet.“

          Was die Erfassung der Stimmung in der DDR betraf, so hatte die Organisation Gehlen versagt - im Unterschied etwa zum Bundesamt für Verfassungsschutz oder zum Ostbüro der SPD. Wie Ronny Heidenreich, Mitarbeiter der BND-Historikerkommission, feststellt, maßen Gehlens Leute den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR vor dem 17. Juni keine besondere Bedeutung bei. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stand die sowjetische Deutschlandpolitik.

          Als sich ihre These von einer Initiative der Kreml-Führung nicht belegen ließ, habe die Organisation den inneren Vorgängen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Trotz eines „nahezu flächendeckenden Agentennetzes in der DDR“ konnten die Pullacher den Ablauf des Volksaufstandes nicht beobachten lassen, weil am Nachmittag des 17. Juni „infolge der Grenzschließung der Kontakt zu den Gewährleuten in der DDR für etwa eine Woche“ abbrach. Im Sommer 1953 habe sich der Dienst „nicht zu einer vollständigen Revision seiner These eines von östlicher Seite inszenierten Aufstandes entschließen können“. Die von der DDR-Propaganda behauptete Beteiligung der Organisation an den Geschehnissen des 17. Juni könne jedoch „definitiv ausgeschlossen“ werden. Das zeige die Fehldeutung der Vorgänge und „ein allen Agenten erteiltes Verbot, sich durch regimekritische Äußerungen oder Taten der Gefahr einer Verhaftung auszusetzen“.

          Der amerikanische Auslandsgeheimdienst erhielt nachträglich ein „dichtes Meinungsbild über die militärische Entwicklungen“ in der DDR, denn auf diese Form der Informationserhebung hatten sich die künftigen Aufklärer Adenauers damals spezialisiert. Kurz darauf musste „der Doktor“ - wie sich Gehlen in Bonn so gern nennen ließ - eine schwere Schlappe hinnehmen. Die DDR-Staatssicherheit, die bei der SED-Spitze in Verruf gekommen war, weil sie im Juni nicht vor der „faschistischen Untergrundbewegung“ gewarnt hatte, verhaftete Ende Oktober 1953 in der Aktion „Feuerwerk“ über 100 Personen, vorwiegend V-Leute der Organisation. Gegen sieben von ihnen fand Ende 1953 in Ost-Berlin ein Schauprozess statt. Wie Pullach auf den Triumph Wollenwebers über Gehlen reagierte, wird noch erforscht. Vielleicht trösteten sich die Geheimdienstler mit „kleinen Hellen“ über manches hinweg.

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