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Vor 60 Jahren : Der Dienst und der Volksaufstand

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Dieser Verschwörungstheorie widersprach ein - erst am 19. Juni vorliegender - Bericht von „V 3544“, der im Westteil der Stadt wohnte, sich am 17. Juni in den Ost-Sektor begab und am Potsdamer Platz etwa „dreitausend Demonstranten“ sah, die in Richtung Leipziger Straße marschierten: „Sektorengrenzen gab es in diesem Augenblick keine mehr, denn auch West-Berliner schlossen sich der Demonstration im Ost-Sektor an.“ Nun standen im Regierungsviertel des Ost-Sektors vier Panzer T 34, „die durch sowjetische Infanterie vor den Demonstrierenden geschützt werden sollten“. „V 3544“ beobachtete, wie „Kioske der SED und mehrere Propaganda-Säulen in Brand“ gesteckt wurden und „wie vom Brandenburger Tor die rote Fahne heruntergeholt wurde. Gleichzeitig wurde der Berliner Bär und eine schwarzrotgoldene Fahne gesetzt. Letztere wollte aber nicht ganz hoch.“ Ost- und West-Berliner hätten „sich gegenseitig in Schmährufen auf die Sowjetsoldaten“ überboten: „Die Sowjets verhielten sich ruhig und ließen alles über sich ergehen. Die T 34 standen in die Tiefe der Straße gestaffelt. Einer war vorgezogen, die restlichen drei waren dahinter aufgefahren. Ich hielt mich immer etwas seitlich und abgesetzt. Gegen 15.30 Uhr wurde von den Versammelten das Deutschlandlied angestimmt und auch gesungen. Erst jetzt setzte sich der 1. Panzer in Marsch und fuhr auf die Menge zu. Er schoss dabei zunächst mit Platzpatronen über die Köpfe (aus einem MG) hinweg. Aber ganz kurz darauf wurde schon scharf geschossen, immer noch über die Köpfe, die Einschläge krachten in das Columbus-Haus. Die Demonstranten stürmten in alle Himmelsrichtungen auseinander und nahmen teilweise volle Deckung. Ich selbst lag flach auf der Straße. Die drei anderen T 34 schlossen auf. Kaum hatten die Sowjets ihr Feuer eingestellt, strömten die Demonstranten unter Pfui- und Schmährufen wieder gegen die Panzer vor. Die Sowjets wurden überschüttet mit Rufen ,Ihr Schweine, Strolche, Arbeiterverräter und Verbrecher’.“

Als Verstärkung rückte auch die Kasernierte Volkspolizei (KVP) der DDR, „lauter 17- und 18-Jährige“, mit ihren Karabinern an: „Auch die KVP stand eisern und hielt Disziplin“ - bis ein KVP-Offizier, der die Menge vergeblich zu beruhigen versucht hatte, „Feuer frei“ gab. Ein Unteroffizier „schoss aus seiner Pistole, die Mannschaften hielten ihre Karabiner auf die Beine der Demonstranten . . . Es gab Verletzte und einen Toten. Alles stob auseinander, kam aber gleich wieder zurück.“ Am späteren Nachmittag kehrte „V 3544“ zu Fuß zu seiner Wohnung zurück.

Am Nachmittag dieses 17. Juni fand in Pullach die Gruppenleiterbesprechung statt. „Krisenzeiten verlangen ruhigen Kopf“, hieß es, und: „Sorge der Führung und von 50 D, dass infolge Ausnahmezustand keine Ostzonen-Quellen mehr nach West-Berlin durchkommen.“ Unter der Uhrzeit 16.30 Uhr wurde vermerkt: „Kurze Lageorientierung der Gruppenleiter durch 30 persönlich.“ Die Nummer 30 war der Mann, der sich am liebsten nie oder höchstens mit Hut und Sonnenbrille fotografieren ließ: der vormalige Generalmajor Gehlen. 1942 war er Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ im Oberkommando des Heeres geworden. Vor Kriegsende ließ er seine Archive vergraben und begab sich in amerikanische Gefangenschaft. Auf Betreiben der amerikanischen Besatzungsmacht durfte er 1946 mit anderen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen zunächst in Oberursel und seit Ende 1947 in Pullach seine Org. G. aufbauen.

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