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Vor 60 Jahren : Der Dienst und der Volksaufstand

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Mit dem „Neuen Kurs“ war allerdings nicht die im Mai beschlossene Erhöhung der Arbeitsnormen rückgängig gemacht worden. Diese Kompromisslosigkeit brüskierte die Arbeiterschaft, so dass es auf einer Baustelle des Krankenhauses Berlin-Friedrichshain am Montag, dem 15. Juni, zu Arbeitsniederlegungen kam. Darüber - wie auch über alles nun Folgende - berichtete der RIAS im westlichen Teil Berlins laufend und umfassend, so dass es zwischen dem 16. und dem 21. Juni in 701 Orten zu Demonstrationen, Kundgebungen, Streiks oder Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Einrichtungen des SED-Regimes kam.

Die „Chronologie der Unruhen“ hielt für den 16. Juni und die Pullacher Zentrale mit der Zeitangabe 19.45 Uhr fest: „Nachrichten des Bayrischen Rundfunks, dass in Ost-Berlin Demonstrationen stattfanden.“ Die Abteilung Allgemeine Nachrichtenbeschaffung setzte sich daraufhin mit dem Leiter der Dienststelle Auswertung (45) in Verbindung: „Gegenseitige Bestätigung ,dumpfer und ahnungsvoller Gefühle’. Leiter 45 plädiert für eine Aufpulverung des Feldes, was nach Abwägung der Fakten unter Hinweis auf bereits Veranlasstes, auf bekannte Tüchtigkeit der Berliner Nachrichtendienst-Führer und nicht zuletzt aus Ressortgründen (Politik!) unterbleibt.“

Für den 17. Juni, 8 Uhr wurde festgehalten: „Nachrichten des Bayerischen Rundfunks, ,dass seit den frühen Morgenstunden Arbeiter in und nach Ost-Berlin marschieren’.“ Eine halbe Stunde später erwog man, am folgenden Tag „aus dem eigenen Stab eine Persönlichkeit nach Berlin“ zu schicken, um „vorne“ führen zu lassen: „Wichtig ist nicht, was sich nach außen, sondern was sich hinter den Kulissen abspielt. Linie behalten!“ Aus dem Radio erfuhren die Pullacher, die in der DDR über annähernd 700 Agenten verfügten, um 13 Uhr vom „Ausnahmezustand in Ost-Berlin“ und vom „Einsatz sowjetischer Truppen gegen Demonstranten“. Um 15 Uhr wurde eine streng vertrauliche „Übersicht“ abgeschlossen: Die jüngsten Ereignisse „zeigen an, dass Ulbricht und Grotewohl schwere Tage bevorstehen. Es besteht kein Zweifel, dass die Demonstrationen der Arbeiterschaft, zumindest in der Anfangsphase, inszeniert wurden, um damit die scheinbare Bereitschaft der Sowjets anzukündigen, den Sowjetisierungskurs zugunsten der Wiedervereinigung Deutschlands nachhaltig zu bremsen - vielleicht sogar unter Preisgabe der mit ihm verbundenen hohen Funktionäre.“

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