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Vor 60 Jahren : Der Dienst und der Volksaufstand

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Welche Rolle spielte die Organisation Gehlen (der spätere BND) in der Vorgeschichte und während des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953? Über welche Informationen verfügte Pullach? Um solche Fragen zu beantworten, war man bisher vornehmlich auf die 1971 veröffentlichten Memoiren des legendären BND-Präsidenten Reinhard Gehlen (“Der Dienst“) angewiesen. Demnach hätten sich in den ersten Monaten des Jahres 1953 nach Stalins Tod die Anzeichen für eine scheinbare „Liberalisierung“ in der sowjetischen Besatzungszone gehäuft: „Als Ende Mai überraschend weitere Normerhöhungen angeordnet wurden, trafen sich die Wünsche der Gesamtheit nach größerer persönlicher Freiheit mit der Empörung der Schaffenden über die fortgesetzte Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Am 16. Juni 1953 demonstrierten erstmalig Berliner Bauarbeiter gegen die Regierung des ersten deutschen ,Arbeiter- und Bauernstaates’ in Ost-Berlin. Die Proteste setzten sich am Morgen des 17. Juni mit einem Generalstreik fort . . . Für Stunden schien das Schicksal der Machthaber in Pankow besiegelt; da griffen die Sowjets ein, um die Volkserhebung in Mitteldeutschland mit Waffengewalt niederzuschlagen. Sowjetische Panzer überrollten wehrlose Menschen; sie retteten Ulbricht, während die Bevölkerung der Zone aus kurzem Freiheitsrausch in die graue Lethargie des kommunistisch diktierten Alltags und die Trauer um die Opfer des Widerstands zurückfiel.“

Es gebe viele Beweise dafür, dass die Volkserhebung „ein spontaner und elementarer Akt war, vergleichbar nur der Aufstandsbewegung in Ungarn gut drei Jahre danach. Dass dennoch von sowjetischer Seite versucht wurde, den Dienst der planmäßigen Vorbereitung des 17. Juni zu verdächtigen, ließ erkennen, dass er zum Hauptziel einer umfangreichen und permanenten östlichen Diffamierungs-Welle bestimmt war.“

Im April 1953 hätte das Ost-Berliner Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten noch die alliierten Nachrichtendienste für die Spannungen verantwortlich gemacht, nach dem Aufstand hätten sich „die Angriffe auf unseren Dienst“ konzentriert. Der im Juli 1953 ernannte Stasi-Chef Ernst Wollenweber, ein „international berüchtigter Berufsrevolutionär und Sabotage-Experte“, habe den Auftrag gehabt, „unseren Dienst zu zerschlagen und seine Übernahme durch die Bundesregierung ein für allemal zu verhindern“.

Zum großen Propheten stilisierte sich Gehlen nicht. Er zog es vor, die Bedrohung seines Dienstes durch die Stasi hervorzuheben. Dabei vergaß er zu erwähnen, dass das Politbüro der SED am 9. Juni und der Ministerrat am 11. Juni 1953 den „Neuen Kurs“ verkündet hatten, was - wie im Auswärtigen Amt in Bonn am 16. Juni der Diplomat Hasso von Etzdorf erkannte - „durch die sich immer mehr verschärfende Versorgungskrise mitveranlasst worden“ sei, „die die Stimmung der Bevölkerung auf einen Tiefstand gebracht hatte“. Dahinter vermutete Etzdorf die Sorge des Kremls „vor einem nicht wiedergutzumachenden Prestigeverlust“. Die sowjetische Besatzungszone sei „den Blicken der Außenwelt, schon von Berlin aus, viel mehr ausgesetzt als die Sowjetunion selbst. Das Elend der Bevölkerung sowie die Flucht von täglich 1500 bis 2000 Personen gefährden in hohem Maße das Ansehen des Weltkommunismus sowie der Sowjetunion als Besatzungsmacht.“ Dies sei angesichts der Bundestagswahl im September „besonders unerwünscht“.

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