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Vor 50 Jahren : Ich bin ein Bürger

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Bild: Ulrich Mack, Kennedy in Berlin, Hirmer Verlag

Das Bekenntnis des amerikanischen Präsidenten Kennedy zu Berlin war weder ein Wortspiel noch seine eigene Erfindung. Der Satz „Ich bin ein Berliner“ war der antiken Formel „Civis Romanus sum“ nachgebildet und stellte das Schicksal Berlins in die Tradition des amerikanischen staatsbürgerlichen Humanismus wie des römischen Republikanismus.

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          Rom war immer gegenwärtig, auch wenn es gar nicht um Rom ging. So ließ es sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. nicht nehmen, im Oktober 1900 in den Taunus zu reisen, um den Grundstein für das Limesmuseum auf der Saalburg zu legen. Der Ort beherbergte die Reste eines bedeutenden römischen Kastells entlang der einstigen Nordgrenze des Imperium Romanum, das nun auf deutschem Boden rekonstruiert werden sollte. Die Sätze der kaiserlichen Ansprache hangelten sich daher von einem rhetorischen Gipfel zum anderen: das Praetorium ein Phönix, der aus der Asche gestiegen sei; Germanien ein Land, das von der römischen Kultur befruchtet wurde; das neue Museum ein Ort, um die Bedeutung eines Weltreiches zu verstehen. Beim dritten und letzten Hammerschlag kam der Kaiser, um den Ausweis seiner historischen Bildung nie verlegen, in Fahrt. Schließlich ging es um die Zukunft des geeinten deutschen Vaterlandes. Dieses möge so maßgebend werden wie einst das Römische Reich, damit man wie zu jener Zeit sagen könne: „Civis Romanus sum, nunmehr: Ich bin ein deutscher Bürger.“

          Dass der Kaiser mit einer Formel vertraut war, die im Römischen Reich individuelle Bürgeridentität und rechtlichen Status definierte, kann kaum überraschen. Schließlich genoss die humanistische Bildung im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert hohe Wertschätzung, obgleich ausgerechnet der Kaiser dafür eintrat, die nichthumanistischen Fächer im Schulunterricht aufzuwerten.

          Dahingestellt sei, ob Wilhelm II. seinen Verweis unmittelbar aus den Reden Ciceros gegen Gaius Verres, den ruchlosen Statthalter auf Sizilien, oder aus der neutestamentlichen Apostelgeschichte kannte; in beiden findet sich das „Civis Romanus sum“: Ich bin ein römischer Bürger.

          Allerdings verbog der Kaiser, aus gegebenem Anlass in Generalsuniform gekleidet, die Bedeutung dieser Aussage gleich mehrfach. Ursprünglich dient sie als Ausweis des Rechtsschutzes, den der civis als Vollbürger des Römischen Reiches in Anspruch nehmen kann, wenn seine körperliche Unversehrtheit gefährdet ist und er sich der Verfolgung ausgesetzt sieht. In diesem Sinn berief sich im Jahr 1850 der britische Außenminister Lord Palmerston auf diese Formel. Vor dem Unterhaus plädierte er für den Eigentumsschutz eines britischen Staatsbürgers in Griechenland.

          Auf der Saalburg hingegen verschob Wilhelm II. den Akzent nicht nur von Ciceros Republik auf das römische Imperium, sondern auch von der Schutzfunktion auf eine unverhohlen prätentiöse Deutung des Staates. Das „Civis Romanus sum“ geriet zur Metapher für die zukünftige Rolle der Deutschen in der Welt. Der deutsche Bürger wurde bei Wilhelm zum Bestandteil einer großen Allianz aus Militär, Aristokratie und Bürgertum. Bedrohlich musste der Hinweis wirken, den römischen Legionen sei es ja gelungen, der Welt ihren Willen aufzuzwingen. Einige Kommentatoren im In- und Ausland nahmen die Worte des Kaisers hingegen eher spöttisch auf.

          Der Auftritt Wilhelms II. an der einstigen Grenze des Römischen Reiches dürfte Theodor Mommsen, dem besten Kenner der römischen Geschichte weltweit, erhebliche Kopfschmerzen bereitet haben. Der Begründer der Reichslimeskommission war bei der Grundsteinlegung auf der Saalburg nicht anwesend, hatte aber den Text einer auf Latein gehaltenen Bronzetafel beigesteuert. Der historische Sinn des civis Romanus war Mommsen selbstverständlich geläufig. An der eigenen Bürgeridentität als Angehöriger des Kaiserreiches hatte der hochbetagte Altertumswissenschaftler inzwischen zu zweifeln begonnen. In seiner später bekanntgewordenen Testamentsklausel aus dem Jahr 1899 hielt Mommsen fest, dass ihm die Diskrepanz zwischen politischem Wollen und Können bewusstgeworden sei.

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