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Vor 30 Jahren : Heißer Herbst im Kalten Krieg

  • -Aktualisiert am

Bild: © Poly-Press

Der französische Staatspräsident François Mitterrand hatte gut reden: „Im Osten die Raketen, im Westen die Demonstranten.“ In memoriam Nato-Nachrüstung und deutsche Friedensbewegung.

          Im Spätherbst des Jahres 1983 sollten 108 „Pershing II“-Mittelstreckenraketen und 24 Vierfach-Startgeräte für 96 Marschflugkörper „Tomahawk“ mit Nukleargefechtsköpfen in der Bundesrepublik Deutschland stationiert werden. So hatte es die Nato beschlossen. Insgesamt handelte es sich um 204 atomare Gefechtsköpfe auf ebenso vielen Flugkörpern, die von Westdeutschland aus die westliche Sowjetunion erreichen konnten. Dies war ein Novum und eine „eurostrategische“ Revolution. Der deutsche Partner war der einzige, der die „Pershing II“-Raketen übernehmen sollte - und damit im Verhältnis zur Sowjetunion und dem Warschauer Pakt die schwerste politische und strategische Last der Nachrüstung.

          Tatsächlich war die Revolution eine Reaktion auf eine massive sowjetische Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen des Typs SS-20, die von der westlichen Sowjetunion aus ganz Westeuropa und die gesamte Türkei erreichen konnten. Die SS-20 war die erste operativ zuverlässige sowjetische Festtreibstoffrakete „intermediärer“ Reichweite von 4500 bis 5000 Kilometern, dazu auf einem bodenbeweglichen Dreifach-Werfer-Startgerät mit Nachladefähigkeit und drei selbständig programmierbaren Nukleargefechtsköpfen je Flugkörper.

          Begonnen hatte die Stationierung der SS-20 im Jahr 1976 mit zunächst 18 Waffensystemen. 1978 kamen 90 Raketenwerfer hinzu, 1980/81 nochmals mehr als 150. 1982/83 waren in der Sowjetunion genau 333 SS-20-Systeme mit 999 nuklearen Gefechtsköpfen aufgestellt, zwei Drittel davon gegenüber dem europäischen Nato-Gebiet. Gemäß dem Aufwuchsmuster und der Verbandsstruktur wurde in der Nato mit 162 SS-20 gerechnet, die mit 486 einsatzfähigen Nukleargefechtsköpfen bestückt seien. Doch Ende 1982 stellte die amerikanischen Satellitenaufklärung 243 SS-20 fest, davon 198 westlich des Ural. Dies bedeutete ein vierfach gesteigertes nuklearstrategisches Angriffspotential gegen das europäische und türkische Nato-Gebiet, darüber hinaus Reichweiten in den Mittleren Osten und nach Nordafrika. Moskau war in der Lage, alle 280 strategischen Vorrangziele in Westeuropa mit der SS-20 abzudecken - und das ohne Rückgriff auf die strategischen Raketen mit Reichweite nach Nordamerika. Mit anderen Worten: Die Sowjetunion hätte gegen die Nato einen auf Westeuropa begrenzten Raketenkrieg führen können.

          Die Stationierung der SS-20 war also nicht eine bloße „Modernisierung“, wie die Sowjetführung behauptete, sondern um eine strategisch-politische Lageveränderung massiven Umfangs und hoher Qualität. Denn die Raketenwerfer waren ein neues Instrument flexibler Optionen für selektive und differenzierende Zielangriffe im Rahmen eines regional begrenzten Atomkrieges in Europa oder in Asien. Bei einer Zielablage von nur 200 Metern war die Zielgenauigkeit der SS-20 weitaus größer, die notwendige Explosionskraft und damit die Schadensverbreitung auf dem Zielumfeld geringer als die der älteren SS-4, SS-5 und SS-11, die bis dahin gegen Westeuropa gerichtet waren.

          Die Fähigkeit, zwischen einem Nuklearkrieg in Europa und einem Krieg gegen Nordamerika zu unterscheiden, machte die SS-20 zu einer „eurostrategischen Nötigungswaffe“, wie der Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) zu Beginn der achtziger Jahren formulierte. Um die Größenordnung dieser Drohung verständlich zu machen, nannte Schmidt zu jener Zeit meist „zehn deutsche Großstädte“. Tatsächlich waren, wie nach 1986 in den Verhandlungen über die Mittelstreckenraketen deutlich wurde, mehrere Nuklearwaffen auf jedes strategische Ziel in Westeuropa programmiert worden. Diese Ziele lagen vor allem in Westdeutschland und zumeist in dichtbesiedeltem Gebiet, selbst wenn es sich um militärische Ziele handelte.

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