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Vor 25 Jahren : Schwerter und Pflugscharen

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Bild: Sieghard Liebe

Die Erinnerung an den Herbst 1989 ist im Westen meist mit dem Datum des 9. November verbunden: Mauerfall. Im Osten markiert der 9. Oktober die Wende: In Leipzig brachten die Montagsdemonstranten die SED-Diktatur zu Fall. Wir dokumentieren eine gekürzte Fassung der Laudatio auf die Montagsdemonstrationen aus Anlass der Verleihung des Nationalpreises 2014 der „Deutschen Nationalstiftung“.

          Die Erinnerung an den Herbst 1989 kommt in Ost und West mit verschiedenen Akzenten daher. Im Westen ist der 9. November das entscheidende Datum, weil die Öffnung der Berliner Mauer den Weg zur deutschen Einheit öffnete. Im Osten ist für viele der 9. Oktober das Schlüsseldatum, weil der Erfolg dieser Montagsdemonstration die SED-Diktatur zu Fall brachte.

          Die Montagsdemonstrationen nahmen ihren Ausgang von den Friedensgebeten, die an jedem Montag um 17 Uhr in der Leipziger Nikolaikirche stattfanden. Und die kamen so zustande: 1978 führte die DDR-Bildungsministerin Margot Honecker ein neues Schulfach ein: Wehrerziehung. Das stieß auf den Protest vieler Eltern. Die Evangelische Kirche forderte dagegen eine Erziehung zum Frieden - vergeblich. Darauf beschloss sie, in jedem Jahr an den letzten zehn Tagen des Kirchenjahres eine Friedensdekade abzuhalten mit täglichen Friedensandachten.

          1980 fand die erste Friedensdekade statt. Der Dresdner Jugendpfarrer Harald Brettschneider hatte für diese Andachten eine Materialmappe für die Gemeinden erstellt, dazu ein Lesezeichen, gedruckt auf Vlies. Es zeigte eine sowjetische Plastik von Jewgeni Wutschetisch, nämlich einen Mann, der aus einem Schwert eine Pflugschar schmiedet. Diese Plastik hatte die Sowjetunion 1959 den Vereinten Nationen geschenkt. Sie nahm ein biblisches Motiv des Propheten Micha auf, wo es heißt: „In den letzten Tagen werden die Völker zum Zion kommen und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden.“ Es konnte doch wohl nicht verboten sein, diese sowjetische Plastik, umgeben mit den Worten „Schwerter zu Pflugscharen“ und der Angabe „Micha 4“, auf Vlies drucken zu lassen (und zwar deshalb auf Vlies und nicht auf Papier, weil das Bedrucken von Papier der Zensur unterlag, das Bedrucken von Textilien dagegen als Oberflächenveredelung galt)?

          Deshalb ließ sich das Lesezeichen, was gar nicht beabsichtigt war, gut auf Jackenärmel nähen. Lehrer und Polizisten begannen daraufhin eine Jagd auf dieses Abzeichen. Es musste sofort entfernt werden, oder die Jacke wurde beschlagnahmt. Studenten wurden deshalb exmatrikuliert. Manche Jugendliche nähten sich daraufhin einen weißen Fleck auf den Ärmel mit der Inschrift: „Hier war ein Schmied“.

          Diese Friedensdekade fand auch in der Leipziger Nikolaikirche statt. Zu den wöchentlichen Friedensandachten in Nikolai kam es so: In Leipzig-Probstheida stand für die Gemeindearbeit nur eine Zweiraumwohnung zur Verfügung. Nach einem Planungsfehler standen eines Abends zwei Gruppen vor der Tür, die 15- bis 19-Jährigen der Jungen Gemeinde und der Bibelkreis, Alter 60 aufwärts. Was tun? Der Jugenddiakon Günther Johannsen schlug vor: Dann redet eben heute mal Jung mit Alt. Die Alten fragten: Warum provoziert ihr Jungen mit den Aufnähern „Schwerter zu Pflugscharen“ den Staat und riskiert eure Zukunft? Die Jungen antworteten: Der Staat wird immer militanter, wir werden massiv bedrängt, drei oder gar zehn Jahre in der Volksarmee zu dienen, sonst dürfen wir nicht studieren. Die Alten waren erstaunt. Das wissen wir ja alles gar nicht. Da wurde die Idee eines Friedensgebetes geboren: im Stadtzentrum, nach Arbeitsschluss und montags, weil das der Pastorensonntag ist.

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