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Vor 100 Jahren : Tanzen sieben Zwerge, bummsfallera

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Bild: akg-images

Nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit feierte die Freideutsche Jugend im Jahr 1913 den Anbruch eines neuen Zeitalters. Es sollte nicht lange währen.

          14 Min.

          Das 19. Jahrhundert ging zu Ende, aber eine Jugendbewegung begann. Gymnasiasten, die meisten zwischen 13 und 18 Jahre alt, wanderten, tanzten und sangen zur Klampfe. Die Jugend wurde neu entdeckt, avancierte in jener von industrieller Expansion und demographischer Radikalverjüngung geprägten Epoche zum Vehikel gesellschaftlicher Hoffnungen, ja zum Träger aller Visionen einer erlösenden Transzendenz.

          Jugendliche gab es reichlich in Deutschland um 1900. Das Kaiserreich zählte damals 56,4 Millionen Einwohner; gut 25 Millionen waren nicht einmal 20 Jahre alt. Deutschland war jung - als Nation, als Staat, als Industriegesellschaft. Doch war die Kategorie der Jugend nicht in erster Linie biologisch gefasst, war nicht bloß Sammelbegriff für junge Menschen im Alter von 14 bis 21 Jahren. Neu war, dass sich diejenigen, die sich zur bewegten Jugend zählten, als etwas Eigenes verstanden, als etwas, das sich abhob von der Lebensart der Älteren und sich als Teil einer großen gemeinsamen Erfahrungswelt von Gleichaltrigen empfand.

          In der Jugend des späten Wilhelminismus verdichteten sich die Wirkungen der jähen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Transformation während des letzten Drittels im 19. Jahrhundert. In der Gesellschaft dominierten weiterhin noch Einstellungen und Normen, die aus den Zeiten des ersten Wilhelm und des großen Bismarck stammten, aber im frühen 20. Jahrhundert nicht mehr recht passten. Die Jugendbewegung der Jahrhundertwende war ein Spross des Bildungsbürgertums, das in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in eine Krise geraten war. Die humanistisch gebildeten Bürger, die noch bis in die 1860er Jahre unbestritten den Hegemon der bürgerlichen Klasse insgesamt bildeten, litten am Bedeutungsverlust gegenüber den gewerblichen Bürgern, die mit der Industrieproduktion aufgestiegen waren.

          Innerhalb der deutschen Mandarins verstärkten sich infolgedessen die Distanz gegenüber der Moderne, der Argwohn gegen den Kapitalismus, gegen Urbanität, Technik, ja den arbeitsteiligen Fortschritt insgesamt. Lebensphilosophische Traktate zirkulierten, reformpädagogische Experimente kamen auf, eine jugendbewegte Kultur jenseits der großstädtischen Lebensformen entstand. Man klagte über die Mechanisierung, die Rationalisierung, die seelische Entleerung durch den alles beherrschenden Ökonomismus. Man fürchtete die Auflösung der haltstiftenden Ordnungen, die Zerstückelung von Zusammenhängen, die Entbindung aus sozialen Zusammengehörigkeiten. Die Lebensreformer jener Jahre wollten wieder verknüpfen, was zerrissen worden war, wollten zur Symbiose bringen, was die neue Zeit atomisiert hatte. „Ganzheitlichkeit“ lautete die Zauberformel der Lebensphilosophen des bildungsbürgerlichen Reformalltags. Gemeinschaften zu gründen galt als integrales Projekt auf dem Weg dorthin. Die Eigenschaften und Fähigkeiten der in der Moderne sich selbst entfremdeten Menschen sollten wieder zusammengefügt und austariert werden wie in den guten Zeiten, vor dem industriegesellschaftlichen Sündenfall.

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