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Vor 100 Jahren : Erst siegen

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Bild: INTERFOTO

Im August 1917 wollte Papst Benedikt XV. die Oberhäupter der kriegführenden Staaten mit einer Friedensinitiative dazu bewegen, den Selbstmord Europas doch noch zu verhindern. Es kam anders.

          13 Min.

          Soll denn die zivilisierte Welt nurmehr ein Leichenfeld sein? Soll Europa, so ruhmreich und so blühend, wie von einem allgemeinen Wahnsinn fortgerissen, in den Abgrund rennen und die Hand gegen sich selbst wenden zum Selbstmord?“ Mit diesen Worten wollte Papst Benedikt XV. im August 1917 die Oberhäupter der kriegführenden Völker wachrütteln. Das in der zweiten Augustwoche den jeweiligen Regierungen zugestellte, auf den 1. August rückdatierte Schreiben des Papstes sollte mehr sein als eine „Mahnung“, wie es im Titel hieß. Vielmehr unterbreitete Benedikt XV. konkrete Vorschläge für einen „gerechten und dauerhaften Frieden“ in der Hoffnung, damit das „unnütze Gemetzel“ zu beenden. Mit derart scharfen Worten ist der Krieg kaum jemals verurteilt worden.

          Die Friedensinitiative des Papstes ist heute so gut wie vergessen. Wird der Zäsurcharakter des Jahres 1917 beschworen, dann entspricht die Würdigung der päpstlichen Initiative gemeinhin dem Wert einer Fußnote. Dabei dürfte insbesondere ihr Scheitern den Gedächtnisschwund befördert haben. Aber gerade weil 1917 als ein „Epochenjahr“ in die Weltgeschichte eingehen sollte, lohnt es sich, das Augenmerk auf den womöglich letzten realistischen Versuch zu lenken, den Krieg mit einer Konsenslösung zu beenden.

          Mit 1917, so viel ist unstrittig, begann ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte: Nicht nur, weil die Länder ferner Kontinente in den Krieg hineingezogen wurden, sondern vor allem, weil sowohl die Demokratiemission des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson als auch das revolutionäre Konzept Lenins auf die Veränderung der Welt zielten. Zudem wurden im Frühjahr und Herbst 1917 noch einmal hochfliegende Erwartungen in den Öffentlichkeiten diverser Länder geweckt, um alle Kräfte für die kommende Kriegsphase zu mobilisieren. Angesichts dieser Erwartungen konnten die Kompromisslösungen des Versailler Friedens subjektiv nur Verlierer hinterlassen – mit allen Folgen bis in das späte 20. Jahrhundert.

          In Anbetracht dieser Folgen des Jahres 1917 ist es zwar kontrafaktisch, gleichwohl aber lehrreich, sich vorzustellen, welchen Verlauf die Geschichte hätte nehmen können und – vor allem – was der Welt womöglich erspart geblieben wäre, wenn sich die europäischen Mächte auf einen Frieden hätten einlassen können.

          Damit steht zugleich eine ethische Verantwortung im Raum, die nicht weniger schwer wiegt als jene zu Beginn des Krieges. Wussten die Staatsmänner im Juli 1914 vielleicht noch nicht, was ein moderner Krieg im industriellen Zeitalter bedeutete, so galt dieses entlastende Motiv drei Jahre später nicht mehr. Die anfänglichen Kriegspläne hatten sich als Makulatur erwiesen, und selbst der Kriegstod von Millionen Soldaten in den Materialschlachten des Jahres 1916 hatte keine Entscheidung erzwingen können. Umso zentraler ist die Frage, warum die Regierungen der kriegführenden Länder nicht bereit waren, sich auf Friedensgespräche einzulassen – wenn sich denn eine realistische Chance dafür bot.

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