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Vor 100 Jahren : Erst siegen

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Mit Blick auf die Schuldfrage aber wird man zu ähnlichen Ergebnissen wie beim Kriegsausbruch kommen: Die deutsche Regierung trug einen erheblichen Teil der Verantwortung für das Scheitern der Friedensinitiative, aber auch alle anderen Staaten zeichneten sich nicht durch besondere Friedensbereitschaft aus. Letztlich ist als Ursache des Scheiterns ein ganzes Bündel zu benennen: Zum einen die plötzlich wieder wachsende Zuversicht in militärische Erfolge. Ludendorff etwa schwadronierte am 2. September 1917 von dem „herrlichen Geist“, der die Armee beseele, zumal die „letzten schönen Waffenerfolge“ gar „zu den besten Hoffnungen“ berechtigten. Zum anderen die feste Entschlossenheit insbesondere von Italien, aber auch von Frankreich, das Papsttum nicht aufwerten zu wollen.

Italien wurde nicht müde, die Bündnispartner an ihre Zusicherung zu erinnern, die es ihnen als Bedingung für den eigenen Kriegsbeitritt im April 1915 abgerungen hatte: den Vatikan aus allen internationalen Vereinbarungen über den Frieden herauszuhalten. Die Furcht, der Papst könne die „römische Frage“, also die nach einem Kirchenstaat, wieder aufwerfen, war zu groß. Womöglich spielte auch die Eitelkeit der Amerikaner eine Rolle, die dem Papst nicht das Vorrecht auf die Friedensvermittlung lassen wollten, wo doch die eigenen Initiativen bislang gescheitert waren. Was die Vorstellungen über Grundlagen für einen dauerhaften Frieden betraf, so stimmten der amerikanische Präsident und der Papst in vielen Dingen erstaunlich überein. Das „Vierzehn-Punkte-Programm“, mit dem Wilson am 8. Januar 1918 eine Friedensordnung für Europa skizzierte, wies bemerkenswerte Parallelen mit dem Text des Papstes auf. Dass die Antwort der amerikanischen Regierung auf die päpstliche Initiative am 27. August gleichwohl ablehnend ausfiel, wurde mit der Notwendigkeit begründet, dass Deutschland sich grundlegend demokratisieren und von der bösartigen Regierung des Kaiserreichs trennen müsse.

Welchen Spitzenplatz die eigene Nation in der Wertehierarchie einnahm, ließ sich selbst beim Klerus beobachten, der ja dem Papst in besonderer Weise hätte verpflichtet sein müssen. „Heiliger Vater“, so wies beispielsweise der Dominikaner Antonin-Gilbert Sertillanges, ein bekannter französischer Moralphilosoph, im November 1917 mit ausdrücklicher Billigung des Pariser Kardinals Amette die päpstliche Initiative zurück: „Wir können Ihren Friedensappell in diesem Augenblick nicht unterstützen.“ Als Franzosen wollten die Bischöfe keinen Verständigungsfrieden, sondern einen „französischen Frieden“.

Wenn auch die Friedensinitiative von Papst Benedikt XV. versandete, folgenlos blieb sie nicht. Langfristig trug sie dazu bei, dem Papsttum jene „moralische Weltgeltung“ zu verschaffen, die es nach dem Verlust weltlicher Macht im Jahr 1870 so sehr erstrebte. Sowohl das umfangreiche karitative Engagement bei der Sorge um Kriegsgefangene als auch der politische Einsatz für eine Friedenslösung profilierte den Papst als moralischen Akteur. Das akkumulierte Prestige zeigte sich im Januar 1919, als Woodrow Wilson als erster amerikanischer Präsident den Vatikan besuchte.

Zugleich hatte sich mit der Friedensinitiative ein Verhaltensmuster etabliert, dem auch die späteren Päpste treu blieben. So hielten sie an dem Prinzip fest, zugunsten möglicher Vermittlungsoptionen auf jede öffentliche Parteinahme in Kriegssituation zu verzichten, was Papst Pius XII. mit Blick auf sein öffentliches Schweigen zum Holocaust später viel Kritik eintragen sollte.

Im unmittelbaren Umfeld der Friedensinitiative waren es jedoch gerade diejenigen, die sich für den Frieden starkmachten, die plötzlich in den Fokus massiver Kritik gerieten. Sowohl Erzberger als auch Benedikt XV. wurden im Sommer 1917 zu Opfern dessen, was man heute „Hate Speech“ nennen würde. Als Defätisten wurden sie beschimpft, die mit ihren demoralisierenden Reden die Kampfkraft der deutschen und der italienischen Nation geschwächt hätten. Diese Zeit, so der Papst später, sei die bitterste in seinem Leben gewesen.

Die schwerwiegendsten Konsequenzen der Friedensinitiative aber lagen darin, dass die Chance, die sie geboten hatte, nicht ergriffen worden war. Das Massensterben ging weiter. Im Herbst 1917 stand die deutsche Politik wieder dort, wo sie schon im Januar gestanden hatte, als der Kaiser die Friedensempfehlungen des Papstes mit der Randnotiz abgetan hatte: „erst siegen!“

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