https://www.faz.net/-gpf-909pv

Vor 100 Jahren : Erst siegen

  • -Aktualisiert am

Um die Friedensbereitschaft der deutschen Gesellschaft zu vergrößern und damit die Akzeptanz der Friedensinitiative vorzubereiten, hatte Erzberger am 6. Juli im Hauptausschuss des Deutschen Reichstags die militärische Lage in düsteren Farben geschildert und schonungslos offengelegt, dass das Ziel des U-Boot-Krieges, England binnen eines halben Jahres niederzuringen, gescheitert sei. Folglich sei es jetzt ratsam, eine Friedensresolution zu erarbeiten, die dem Ausland den Friedenswillen Deutschlands vor Augen führen und damit zugleich die Sozialisten wieder integrieren könnte, deren Bereitschaft, Kriegskredite mitzutragen, geschwunden war. Gleichzeitig müsse das preußische Wahlrecht überarbeitet und die Parlamentarisierung vorangetrieben werden. Die Sitzung, auch als „Paniksitzung“ bekannt, veränderte die Tektonik des Kaiserreichs. Letztlich führte sie zu gegenläufigen Entwicklungen: Einerseits nahm die Entwicklung eines parlamentarisch-demokratischen Systems Fahrt auf, insoweit als sich Zentrum, Liberale und Sozialdemokraten zur Erarbeitung einer Friedensresolution in einem „Interfraktionellen Ausschuss“ zusammenschlossen und damit die spätere Weimarer Koalition begründeten. Ihre Arbeit mündete vorerst in der von Erzberger, Ebert und Scheidemann eingebrachten Friedensresolution des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917, die einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen forderte – und in mancherlei Hinsicht den Vorstellungen des Vatikans entsprach.

Gleichzeitig formierte sich in Deutschland als Gegenbewegung die Deutsche Vaterlandspartei (DVP), die die annexionistischen Ziele der OHL stützte. Fatalerweise kooperierten beide Institutionen, OHL und Reichstag, beim Sturz Bethmann Hollwegs am 13. Juli – war er den einen zu weit gegangen mit Demokratisierung und Friedensbereitschaft, so schien er den anderen, auch Erzberger, zu langsam und zu träge.

Georg Michaelis, sein Nachfolger, fühlte sich an die dem Vatikan gegebenen Zusagen nicht mehr gebunden. Verbittert äußerte Pacelli später, dass „von einem fanatischen Protestanten . . . auch nichts anderes zu erwarten“ gewesen sei. Bezeichnenderweise aber hatte der Katholik Graf Georg Hertling, der bayerische Regierungschef, das Kanzleramt abgelehnt – man könne ohnehin gegen die Vormacht der Militärs nichts ausrichten. Die Militärdiktatur, die die letzte Kriegsphase in Deutschland bestimmte, wurde nicht zuletzt durch solche Formen vorauseilender Kapitulation vor den eigenen Militärs erst möglich.

Die deutsche Antwort auf die Papstnote war durch die Entwicklungen im Juli vorgeprägt. Obwohl die Mehrheit des Interfraktionellen Ausschusses bereit war, Belgien zurückzugeben, setzte sich die Ansicht durch, dass man dieses Faustpfand nicht schon vor Verhandlungsbeginn preisgeben dürfe. Als Berlin schließlich am 19. September offiziell reagierte, waren die Formulierungen in Bezug auf Belgien so vage, dass Pacelli am 23. September eingestand: „Die Friedensinitiative ist gescheitert.“ Für ihn war klar: „Die deutsche Regierung trägt die Schuld.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Nach Mord an Lübcke : Seehofer will Kampf gegen Rechts verstärken

Der Mord an Walter Lübcke hat die Republik aufgeschreckt. Es sei bisher nicht alles Menschenmögliche gegen Rechts getan worden, sagt Innenminister Horst Seehofer. Aber auch die Gefahr durch Islamisten ist unverändert hoch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.