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Vor 100 Jahren : Erst siegen

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Anfang August schien der richtige Moment gekommen: Die auf den symbolischen 1. August – den Tag des Kriegsbeginns – rückdatierte Friedensinitiative „Dès le début“ wurde den kriegführenden Mächten zugestellt. Darin mahnte Benedikt XV., dass „an die Stelle der materiellen Gewalt der Waffen“ nunmehr „die moralische Macht des Rechts“ treten solle. Konkret forderte er eine allgemeine Abrüstung bis auf das Maß, welches zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit nötig sei, die Einrichtung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit, die Befreiung der Meere von jedem „Hindernis für die Verkehrswege“ und die gegenseitige Rückgabe der jetzt besetzten Gebiete. Deutschland müsse Frankreich und Belgien räumen und Letzteres in die Unabhängigkeit entlassen, würde dafür allerdings die Kolonien zurückerhalten. Auf Forderungen nach Reparationen solle wechselseitig verzichtet werden und alle strittigen Territorialfragen, vor allem die zwischen Österreich und Italien sowie Deutschland und Frankreich, sollten „in versöhnlichem Geiste“ geprüft werden, wobei es gelegentlich nötig sein werde, die „Sonderinteressen dem Gesamtwohl der großen menschlichen Gesellschaft“ unterzuordnen. Auf der Grundlage dieser Prinzipien und der Wahrung der „Waffenehre“ „hüben wie drüben“ sei die „Reorganisation der Völker“ möglich und eine Wiederholung ähnlicher Konflikte ausgeschlossen. Als Legitimation, in dieser Situation als Vermittler aufzutreten, führte der Papst die eigene Unparteilichkeit, das Pflichtgefühl, als „Vater aller Gläubigen“ zu handeln, sowie „die Stimme der Menschlichkeit und der Vernunft“ an.

Manche Historiker haben dem Papst Naivität nachgesagt und ihm unterstellt, die Situation falsch eingeschätzt zu haben. Dieser Vorwurf scheint allenfalls bedingt berechtigt zu sein. Im Vatikan war man immer nur von einer „Wahrscheinlichkeit“ ausgegangen – diese zumindest ausgelotet zu haben, ist dem Papst hoch anzurechnen. Schließlich sah es zwischenzeitlich nicht schlecht aus: Die Vereinigten Staaten hätten zufrieden sein können, weil sich die Vorstellungen des Papstes mit denen Wilsons weitgehend deckten. Den Interessen Englands war insofern Rechnung getragen worden, als die Rückgabe Belgiens gefordert wurde, und selbst die von den Kriegsgegnern eingeklagte Demokratisierung Deutschlands schien im Juli 1917 Fortschritte zu machen. Bethmann Hollweg war zudem im Sommer 1917 zu einer Art „Vernunftpazifist“ geworden, der den Frieden deshalb wieder schätzte, weil der Krieg keine sinnvolle Perspektive mehr zu bieten schien. Vernünftig sei es nun, einzusehen, dass – wenn nun einmal eine völlige militärische Niederwerfung der Gegner ausgeschlossen sei – schon die „unversehrte Selbstbehauptung Deutschlands“ ein Gewinn sei. Der Reichskanzler war im Juni 1917 davon überzeugt, dass es ihm gelingen werde, „beim Kaiser alles durchzusetzen“, wenn tatsächlich eine greifbare Friedensmöglichkeit vorliege.

Nur: Als die Friedensinitiative des Papstes die Staatsoberhäupter erreichte, war Bethmann Hollweg nicht mehr Kanzler. Womöglich liegt hier die große Tragik in Erzbergers Verhalten. Im Juli unternahm der Zentrumspolitiker alles, um der Friedensinitiative den Weg zu bereiten. Gleichzeitig half er dabei, einen politischen Sturm zu entfachen, der letztlich die einzige Person aus dem deutschen Regierungsgefüge hinwegfegte, der vielleicht noch zuzutrauen gewesen wäre, eine positive Reaktion auf die Friedensinitiative zu erwirken.

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