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Vor 100 Jahren : Erst siegen

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Erzberger kannte Pacelli seit einer Rom-Reise im November 1914. Als der neue Nuntius am 25. Mai nach München kam, sollte es ihm an nichts fehlen. Erzberger stellte ihm sogar einen nagelneuen Benz vor die Tür, dessen Luxusausführung Pacelli als symbolisches Kapital für den päpstlichen Vertreter mit Wohlgefallen akzeptierte. Das Fahrzeug war eigentlich für den plötzlich verstorbenen Vorgänger Pacellis in Auftrag gegeben worden, was zeigt, dass die Kooperation Erzbergers mit dem Nuntius nicht personengebunden war. Die überaus entgegenkommende Haltung Erzbergers gegenüber dem Vatikan erklärt sich zunächst aus einer regierungsamtlichen Perspektive, schließlich lag dem Kaiserreich daran, sich als Schutzmacht des Vatikans zu profilieren. Vor allem seit Italien im Mai 1915 in das Lager der Kriegsgegner gewechselt war, versuchte das Kaiserreich aus dem Dauerkonflikt zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat Profit zu schlagen. So bemühten sich die Deutschen, dem Wunsch des Vatikans nach territorialer Unabhängigkeit, die es mit dem Einmarsch italienischer Truppen in Rom 1870 verloren hatte, zu entsprechen. Im Winter 1915 bot Erzberger das Fürstentum Liechtenstein als vatikanisches Staatsgebiet an, derweil die fürstliche Familie entschädigt werden sollte. Diese Option zerschlug sich ebenso wie Mallorca, zeigt aber, wie eng Erzberger in die Gespräche mit dem Vatikan einbezogen war. Sein Engagement ist dabei nicht nur mit politischen Interessen, sondern auch aus Loyalitätsgefühlen gegenüber dem Oberhaupt der Katholiken sowie der Überzeugung heraus zu erklären, dass jetzt – im Sommer 1917 – dem Frieden der Weg bereitet werden müsse.

Entscheidend waren dafür die Begegnungen Pacellis mit dem deutschen Kanzler Bethmann Hollweg am 26. Juni und Kaiser Wilhelm II. drei Tage später, in denen die Bereitschaft der deutschen Regierung ausgelotet werden sollte, auf Vorschläge des Papstes einzugehen.Der Kaiser, der auf Pacelli „nicht ganz normal“ wirkte, wich politischen Festlegungen mit der Empfehlung aus, der Papst möge doch „ex cathedra“ den Befehl geben, für den Frieden zu wirken, und darüber hinaus die Mittel nutzen, die der Kirche zur Verfügung stünden: „den Beichtstuhl und den Einfluss auf und durch die Frauenwelt“.

Bethmann Hollweg hingegen beteuerte, Deutschland sei bereit, die Unabhängigkeit Belgiens wiederherzustellen, solange sichergestellt werden könne, dass es nicht unter britische oder französische Dominanz gerate. In Anbetracht dieser Zusicherung war Gasparri Ende Juni überzeugt, dass „ein Friedensangebot, . . . vom Heiligen Stuhl zum richtigen Moment gemacht . . ., eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben würde, angenommen zu werden“. Einen Monat später ging der Vatikan weiterhin davon aus, dass ein solcher Vorschlag zwar „nicht mit Sicherheit, aber mit ernsthafter Wahrscheinlichkeit“ von den Alliierten akzeptiert werden würde.

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