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Vor 100 Jahren : Erst siegen

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Mit einer Doppelstrategie setzte sich der Papst seit Beginn seines Pontifikats für den Frieden ein: Zum einen ließen seine Verlautbarungen keinerlei Zweifel daran, dass er den Krieg verurteilte und erwartete, dass die Verantwortlichen einlenkten. Der Kontrast könnte größer kaum sein: Während der Klerus der kriegführenden Länder Waffen segnete und den Krieg als „Volksmissionar“ feierte, der die Menschen wieder das Beten lehre, brandmarkte Benedikt den Krieg bedingungslos als „Morden“, „Gemetzel“ oder „Selbstmord Europas“. Zum anderen suchte er weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit nach diplomatischen Kanälen, um direkten Einfluss auf die Politik zu nehmen. So versuchte er die italienische Regierung im Mai 1915 vom Kriegseintritt abzuhalten und riet den Deutschen im Dezember 1916, ihre Friedensbereitschaft durch konkrete territoriale Zugeständnisse zu untermauern. Auch lag ihm daran, die Eskalation zwischen den Kaiserreich und den Vereinigten Staaten zu verhindern, indem er die deutsche Regierung beschwor, vom U-Boot-Krieg Abstand zu nehmen, und die Amerikaner bat, nicht mit der Kriegserklärung zu reagieren. Alles vergeblich. Der Papst war sich darüber im Klaren, dass seine Ratschläge nicht auf fruchtbaren Boden fallen würden, solange die Kriegsbeteiligten fest davon ausgingen, einen militärischen Sieg erringen zu können.

Im Sommer 1917 schien die Lage plötzlich eine ganz andere: Allenthalben war die Siegesgewissheit verflogen. Darüber hinaus kamen von der österreichischen und der deutschen Regierung Signale, dass eine Friedensaktion des Heiligen Stuhls gewünscht würde. In diesem Moment galt es, dort den Hebel anzusetzen, wo der Schlüssel zur Verhandlungsbereitschaft der Alliierten zu liegen schien: Es ging um die Bereitschaft Berlins, das besetzte Belgien wieder preiszugeben. Schließlich war die Einnahme Belgiens durch die Deutschen der entscheidende Kriegsgrund für die Briten gewesen, und es waren die von deutschen Soldaten in Belgien begangenen Greueltaten, die die Weltöffentlichkeit gegen die Deutschen eingenommen hatten.

Um die deutsche Bereitschaft auszuloten, in dieser Frage nachzugeben, setzte Benedikt auf gute Kontakte und das Geschick von Einzelnen: Er schickte – gegen den Willen des Kardinalstaatssekretärs Pietro Gasparri – Ende Mai 1917 „das beste Pferd im Stall“ an die Nuntiatur in München: Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII. Die Münchener Nuntiatur war für den Vatikan von zentraler Bedeutung, war sie doch die einzige direkte Verbindung nach Deutschland, nachdem infolge des italienischen Kriegseintritts die beim Vatikan akkreditierten Gesandten Bayerns und Preußens sowie im Januar 1917 – wegen Spionageverdachts – auch der deutsche Geheime Kammerherr des Papstes aus Rom hatten abreisen müssen. Gerade weil es keine diplomatische Vertretung des Vatikans in Berlin gab, waren die persönlichen Kontakte des Nuntius zu Berliner Politikern von besonderem Gewicht. Kein Kontakt aber war so wichtig wie der zu Matthias Erzberger. Der Zentrumspolitiker wurde im Jahr 1917 zum entscheidenden Scharnier zwischen der vatikanischen und der deutschen Politik.

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