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Ukraine : Putins Projekt

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Das heutige politische Gedächtnis wird weitaus stärker von der Nachkriegspropaganda geprägt als von der Erfahrung des Krieges. Keiner der heutigen Machthaber erinnert sich noch an den Zweiten Weltkrieg, auch wenn manche führenden russischen Politiker die Geschichtsversion zu glauben scheinen, die man sie als Kind gelehrt hat. Die gegenwärtigen politischen Führer Russlands sind Kinder der 1970er Jahre und damit des Breschnew’schen Kults des Krieges. Der Große Vaterländische Krieg wurde zu einer Sache der Russen, ohne Berücksichtigung der Ukrainer und Juden. Die Juden litten mehr als jede andere sowjetische Bevölkerungsgruppe, aber der Holocaust als solcher hatte keinen Platz in der sowjetischen Geschichte. Er erschien allenfalls in der antiwestlichen Propaganda, in der man das Leid der Juden gänzlich ukrainischen und anderen Nationalisten in die Schuhe schob – Menschen, die in Gebieten lebten, die Stalin im Krieg als Hitlers Verbündeter erobert hatte, und Menschen, die Widerstand gegen die Sowjetmacht geleistet hatten, als die 1945 zurückkehrte. An diese Tradition knüpfen die russischen Propagandisten in der gegenwärtigen Ukraine-Krise an: vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem Holocaust, soweit sie ihn nicht als politisches Instrument zur Manipulation der Menschen im Westen benutzen können.

In den 1970er Jahren wurde die Sowjetunion russifiziert, und zwar auf eine ganz spezielle Weise. Man gelangte zu dem ideologischen Schluss, dass nur innerhalb der Sowjetunion selbst, nicht aber innerhalb der einzelnen Nationen Klassen existierten. So brauchte die Sowjetunion nur eine einzige denkende Klasse und nicht mehrere nationale Klassen dieser Art. In der Folge wurde die ukrainische Sprache aus den Schulen und insbesondere aus der Höheren Bildung verbannt. Sie behielt ihre Bedeutung als eine Sprache niederer und paradoxerweise zugleich sehr hoher Kultur, denn damals bestritt in der Sowjetunion niemand die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Tradition in Kunst und Geisteswissenschaften. In dieser Atmosphäre entwickelten ukrainische Patrioten und selbst ukrainische Nationalisten ein zivilgesellschaftliches Verständnis der ukrainischen Identität. Unterstützt wurden sie darin von emigrierten polnischen Intellektuellen, die in den 1970er und 1980er Jahre eine Außenpolitik für die Zeit nach dem Kommunismus konzipierten.

Diese um Jerzy Giedroyc und die Zeitschrift Kultura in Paris versammelten Intellektuellen erklärten, die Ukraine sei im selben Sinne eine Nation wie Polen, und ein zukünftiges unabhängiges Polen solle eine zukünftige unabhängige Ukraine anerkennen – ohne die Grenzen in Frage zu stellen. Das war damals umstritten, weil Polen im Gefolge des Krieges die heute als Westukraine bezeichnete Region verloren hatte. Im Rückblick war dies der erste Schritt der Ukraine wie auch Polens in Richtung der rechtlichen und institutionellen Normen des Nachkriegseuropa. Die vorweggenommene Anerkennung der Ukraine innerhalb der bestehenden Grenzen wurde 1989 zur Grundlage einer polnischen Außenpolitik nach »europäischen Standards«. In der entscheidenden Phase zwischen 1989 und 1991 und zum ersten Mal in der Geschichte hatten die ukrainischen nationalistischen Aktivisten nur einen Gegner: die Sowjetunion. Im Dezember 1991 stimmten mehr als 90 Prozent der Einwohner (und die Mehrheit aller Regionen) der sowjetischen Ukraine für die Unabhängigkeit.

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