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Ukraine : Putins Projekt

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Später behauptete die sowjetische Propaganda, wer die Hungersnot erwähne, müsse ein Agent Nazideutschlands sein. So begann die Politik des Faschismus und Antifaschismus, in der Moskau der Verteidiger alles Guten war und seine Kritiker Faschisten sein mussten. Die äußerst wirkungsvolle rhetorische Pose schloss ein wirkliches sowjetisches Bündnis mit den wirklichen Nazis 1939 keineswegs aus. Angesichts des aktuellen Rückgriffs der russischen Propaganda auf den Antifaschismus ist dies ein wichtiger Punkt, an den man denken sollte: Der grandiose moralische Manichäismus sollte allein dem Staat dienen und setzte ihm daher keinerlei Grenzen. Der Rückgriff auf den Antifaschismus als Strategie ist etwas ganz anderes als der Kampf gegen wirkliche Faschisten.

Die Ukraine stand im Zentrum der Politik, die Stalin als »innere Kolonisierung« bezeichnete; und sie stand auch im Zentrum der Hitlerschen Pläne für eine äußere Kolonisierung. Sein »Lebensraum« war in erster Linie die Ukraine. Deren fruchtbare Böden sollten von sowjetischer Macht gesäubert und für Deutschland ausgebeutet werden. Man plante, Stalins kollektivierte Landwirtschaft beizubehalten, die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aber von Ost nach West umzuleiten. Deutsche Planer erwarteten, dass dabei etwa dreißig Millionen Einwohner der Sowjetunion verhungern würden. Nach dieser Denkweise waren die Ukrainer natürlich Untermenschen, unfähig zu einem normalen politischen Leben und nur für eine Kolonisierung geeignet. Kein europäisches Land wurde einer so intensiven Kolonisierung unterworfen wie die Ukraine, und kein europäisches Land musste derart leiden. Zwischen 1933 und 1945 war die Ukraine der tödlichste Ort der Erde.

Im heutigen Deutschland bleibt der Aspekt der Kolonisierung weitgehend unbeachtet. Die Deutschen denken an die Verbrechen gegen die Juden und gegen die (fälschlich mit Russland gleichgesetzte) Sowjetunion, aber fast niemand in Deutschland erkennt an, dass der Hauptgegenstand des kolonialen Denkens und Tuns Deutschlands gerade die Ukraine war. So prominente deutsche Politiker wie Helmut Schmidt zögern selbst heute nicht, die Ukrainer von den normalen Regeln des Völkerrechts auszuschließen. Der Gedanke, wonach die Ukrainer keine Menschen seien, besteht fort, jetzt mit der böswilligen Wendung, dass die Ukrainer für die Verbrechen in der Ukraine verantwortlich gemacht werden, die in Wirklichkeit deutsche Politik waren und zu denen es ohne einen deutschen Krieg und ohne eine deutsche Kolonisierungspolitik niemals gekommen wäre.

Obwohl Hitlers Hauptziel die Vernichtung der Sowjetunion war, erkannte er die Notwendigkeit eines Bündnisses mit der Sowjetunion, um den bewaffneten Konflikt beginnen zu können. Als klar war, dass Polen kämpfen würde, gewann Hitler Stalin 1939 für eine doppelte Invasion. Stalin hatte seit Jahren auf solch eine Einladung gehofft, denn seit Jahren zielte die sowjetische Politik auf eine Zerschlagung Polens. Außerdem sah Stalin in einem Bündnis mit Hitler, also einer Kooperation mit der extremen europäischen Rechten, den Schlüssel zur Zerstörung Europas. Ein deutsch-sowjetisches Bündnis, so hoffte er, werde Deutschland gegen seine europäischen Nachbarn stellen und zu einer Schwächung oder gar zur Vernichtung des europäischen Kapitalismus führen. Diese Vorstellung unterscheidet sich, wie wir noch sehen werden, gar nicht so sehr von einer Berechnung, die Wladimir Putin heute anstellt.

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