https://www.faz.net/-gpf-7ocxg

Ukraine : Putins Projekt

  • -Aktualisiert am

Wie im übrigen Osteuropa brachte der Erste Weltkrieg das Ende überkommener Reiche und zugleich Bestrebungen, auf der Grundlage des Wilson’schen Prinzips der Selbstbestimmung Nationalstaaten zu schaffen. Doch in der Ukraine kam es gleich zu zwei Versuchen dieser Art, einem auf dem Gebiet der Habsburger Monarchie und einem auf dem des Russischen Reiches. Der erste wurde von den Polen vereitelt, denen es gelang, Ostgalizien ihrem neuen Staat einzuverleiben. Der zweite musste sowohl gegen die Rote Armee als auch gegen deren weiße Gegner fechten, die zwar gegeneinander kämpften, aber darin übereinstimmten, dass die Ukraine Teil einer größeren politischen Einheit bleiben sollte. Obwohl die ukrainische Nationalbewegung mit denen in anderen osteuropäischen Regionen vergleichbar war und obwohl mehr Menschen für die Ukraine kämpften und starben als für die meisten anderen nach 1918 entstehenden Nationalstaaten, scheiterte der Versuch auf der ganze Linie. Nach einer äußerst komplizierten Serie von Ereignissen, in deren Verlauf Kiew ein Dutzend Mal besetzt wurde, trug die Rote Armee den Sieg davon, und 1922 entstand eine sowjetische Ukraine als Teil der neuen Sowjetunion.

Gerade weil die ukrainische Nationalbewegung so schwer zu unterdrücken war und weil die sowjetische Ukraine die westliche Grenzregion der Sowjetunion bildete, war die Frage ihrer europäischen Identität von Anfang an von zentraler Bedeutung für die sowjetische Geschichte. In der sowjetischen Politik bestand eine ambivalente Einstellung gegenüber Europa: Die sowjetische Modernisierung sollte die kapitalistische Moderne Europas nachahmen – allerdings nur, um sie zu überflügeln. Dabei konnte Europa je nach Zeit, Perspektive und Stimmung der Führer als fortschrittlich oder als rückschrittlich dargestellt werden. In den 1920er Jahren förderte die sowjetische Politik die Entwicklung einer intellektuellen und politischen Klasse in der Ukraine, weil man glaubte, aufgeklärte Ukrainer würden sich für die sowjetische Zukunft entscheiden. In den 1930er Jahren versuchte die sowjetische Politik, die ländlichen Regionen der Ukraine zu modernisieren, indem man den Boden in Kollektiveigentum überführte und die Bauern zu Angestellten des Staates machte. Das führte zu massivem Widerstand in der Bauernschaft, die an das Privateigentum glaubte, sowie zu sinkenden Ernteerträgen.

Josef Stalin verwandelte diese gescheiterten Bemühungen in einen Sieg, indem er ukrainische Nationalisten und deren ausländische Unterstützer für den Misserfolg verantwortlich machte. Er requirierte weiterhin Nahrungsmittel in der Ukraine, obwohl er sehr genau wusste, dass er damit Millionen von Menschen dem Hungertod überantwortete, und er vernichtete die ukrainische Intelligenz. Mehr als drei Millionen Menschen verhungerten in der sowjetischen Ukraine. Die Folge war eine neue sowjetische Einschüchterungskampagne, in der Europa nur als Bedrohung dargestellt wurde. Stalin stellte die absurde, aber wirkungsvolle Behauptung auf, Ukrainer hungerten sich auf Befehl aus Warschau willentlich zu Tode.

Weitere Themen

Merz erntet Shitstorm für Rechtsextremismus-Äußerung Video-Seite öffnen

CDU-Vorsitz : Merz erntet Shitstorm für Rechtsextremismus-Äußerung

Friedrich Merz kündigt seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz an - und erntet umgehend Kritik für eine Äußerung zum Rechtsradikalismus. Diesen will Merz offenbar dadurch bekämpfen, indem er Ausländerkriminalität und Grenzschließungen thematisiert.

Das Schweigen von Katyń

Arte-Doku über Kriegsmassaker : Das Schweigen von Katyń

Arte zeigt in einer Doku, wie Moskau jahrzehntelang die Verantwortung für das Katyń-Massaker an 4400 polnischen Militärangehörigen im Jahr 1940 ablehnte. Aber auch der Westen hatte seinen Anteil.

Topmeldungen

Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.