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Ukraine : Das kranke Herz

  • -Aktualisiert am

Bild: Slavic and Baltic Division, The New York Public Library, Astor, Lenox and Tilden Foundation

Der Donbass stand schon immer im Ruf der Unregierbarkeit. Die regionalen Machthaber handelten wie Feudalherren. Doch sie konnten die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen.

          13 Min.

          Den Donbass umgibt seit langem der Mythos der Unregierbarkeit. Die einst von den Kosaken kontrollierte Steppe, das „wilde Feld“, symbolisiert eine spezifische Art von Freiheit. Als Zufluchtsort für Ausgewiesene, Ausgestoßene, Flüchtlinge und Kriminelle war das Gebiet immer politisch verdächtig - im Zarenreich wie in der Sowjetzeit. Manche Historiker meinen, dieses Territorium habe nie einer vollständigen politischen Kontrolle unterlegen, weder durch Moskau noch durch Kiew.

          Als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, war der Donbass, der als das „industrielle Herz“ der Sowjetunion bezeichnet wurde, jene Region des neuen Staates, die am nachhaltigsten durch das sowjetische System geprägt war. Viele seiner Einwohner bezeichneten sich in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Umfragen weiter als „sowjetisch“. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs wurde die Sowjetunion für sie zum Symbol für Stabilität und Wohlstand. Dabei wurde die Identität des Donbass ironischerweise gerade in den letzten Jahren der Sowjetunion durch Ereignisse stark geformt, die zu ihrem Zerfall beitrugen - durch Streiks der Bergarbeiter in den Jahren 1989 bis 1991.

          Nach 1991 gab es im Donbass kaum Bestrebungen, die Stadtbilder zu entsowjetisieren. Denkmäler, Straßennamen - alles blieb, wie es war. Auch Lenin steht unerschüttert auf seinem Platz im Zentrum von Donezk. Jedoch wurde das sowjetische Selbstverständnis auf die regionale Ebene verschoben, wobei sowjetische Inhalte, Symbole und Mythen unangetastet blieben. Im Zentrum der regionalen Identität steht das Gefühl der Überlegenheit und Einzigartigkeit einer industrialisierten Region, einer Hochburg der heldenhaften Arbeiterklasse und Kaderschmiede, die schon immer die Rolle des Ernährers für einen größeren Staat hatte.

          Ethnische Kategorien sind für diese Identität gehaltlos, weil die starke regionale Identifikation andere Bezüge überschattet. Da die „vorgestellte Gemeinschaft“ alle im Donbass lebenden Ethnien umfasst, wird die Region oft als multiethnisch bezeichnet. Das Selbstverständnis ließe sich auch als nichtethnisch, panethnisch oder sogar als präethnisch beschreiben. Nationenbildungsprozesse haben im Osten der Ukraine nur ansatzweise stattgefunden. Die sowjetische Herrschaft schuf eine starke Identifikation mit dem Wohnort und der gesamten Sowjetunion, aber nur eine geringe Identifikation mit der Ukraine.

          So entwickelte sich der Donbass historisch zu einem ethnisch gemischten, sprachlich und kulturell russifizierten Grenzgebiet. Bei der Volkszählung 2001 bezeichneten sich dort fast 60 Prozent als Ukrainer, weniger als 40 Prozent als Russen. Doch die Volkszählung zwang die Menschen, eine ethnische Zugehörigkeit zu wählen, auch wenn diese nicht ihre wichtigste Identität ist. Die Dichotomie „russisch - ukrainisch“ ist irreführend, denn sie verschleiert, dass viele Bewohner des Donbass es nicht als Widerspruch wahrnehmen, sich mit beiden Nationalitäten zu identifizieren. Die meisten „Russen“ dort begreifen sich sprachlich-kulturell, aber nicht politisch als „russisch“. Etwa die Hälfte jener, die sich als Ukrainer bezeichnen, redet im Alltag Russisch (insgesamt sind es fast drei Viertel der Bevölkerung) und misst der russischen Sprache einen hohen Stellenwert bei.

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