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Türkei : Osmans Wiederkehr

  • -Aktualisiert am

Bild: REUTERS

Der Gegensatz zwischen „weißen“ und „schwarzen“ Türken ist tief und scheint derzeit unüberwindbar zu sein.

          Im Jahr 2009 ernannte der türkische Ministerpräsident Erdogan einen neuen Außenminister: Mit der Person Ahmet Davutoglus war der Entwurf einer neuen auswärtigen Politik Ankaras verknüpft, die es verdiente, spektakulär genannt zu werden. Manches spricht dafür, dass jene Politik der „strategischen Tiefe“, das heißt einer engen Zusammenarbeit mit den Nachbarn wie etwa Syrien, die man in osmanischer Zeit lange beherrscht hatte, mehr indirekt als direkt eine gewisse Rolle gespielt hat beim Ausbruch des „arabischen Frühlings“; heute kann sie weitgehend als gescheitert gelten. Doch dass sie entworfen worden ist, ja, dass sie überhaupt entworfen werden und sich eine Weile halten konnte, ist bemerkenswert. Wenn die Anhänger Erdogans und seiner AKP heute davon sprechen, ihr Ministerpräsident sei ein „in der Welt anerkannter politischer Führer“, dann spielen sie auch darauf an, dass die Türkei in der arabischen Welt an Achtung gewonnen hat, nicht zuletzt aufgrund der eindeutigen politischen Parteinahme für die Palästinenser.

          Doch während Erdogan der stärkere Einsatz für Muslime überall in der Welt zugutegehalten wird, stoßen seine Islamisierungsversuche bei denen auf Widerstand, die seit Wochen in Istanbul und anderen Städten des Landes protestieren. Sie fürchten, dass geplante Einschränkungen, etwa des Kaufs von Alkohol, nur der Vorgeschmack weiterer Freiheitseinschränkungen sind. Zudem hat Erdogan es offenbar versäumt, die Bürger „mitzunehmen“. Dabei zeigen gerade die von ihm angestoßenen Schritte der Demokratisierung in der Gesellschaft jetzt ihre Wirkung. In der Türkei wächst die Vielfalt der Lebensentwürfe. Mit ihnen kann ein Mann wie Erdogan, Sohn kleiner Leute aus dem Milieu der frommen Sunniten, nichts anfangen, sie sind ihm fremd.

          Freilich: Erdogan ist nicht verantwortlich für die Zunahme islamischer Einflüsse, er ist vielmehr ihr Resultat. Die Islamisierung begann, als er noch nicht einmal geboren war. Wer in diesen Tagen durch Istanbul streift, stößt nicht nur auf Demonstranten, sondern auch auf die Wiederkehr Osmans. In den Lokalen Sultanahmets sieht man sogar - in verflachter Form - wieder Mevlevi-Derwische tanzen. Alles Osmanische ist, das zeigt auch der Buchmarkt, wieder populär.

          Seit Gründung der modernen Türkei unter Kemal Pascha Atatürk im Jahr 1923 ist das Land nach Westen „orientiert“, seit 1952 ist es sogar Mitglied der Nato. An dieser außenpolitischen Ausrichtung, die - neben dem türkischen Nationalismus - die raison d’être der Republik ausmacht, hat keine der zahlreichen Regierungen gerüttelt. Als im Jahr 1996 in der Person von Necmettin Erbakan (1926-2010) erstmals ein Politiker Ministerpräsident wurde, dessen politische Vorstellungen im Koran und in der islamischen Tradition wurzelten, musste die Öffentlichkeit erleben, dass seine erste Auslandsreise nicht nach Amerika oder Europa führte, sondern in das Libyen des Despoten Gaddafi. Die veröffentlichte Meinung war empört, die Generalität nicht weniger, auch wenn sie zunächst eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Erbakan an den Tag legte. Doch nach nicht ganz einem Jahr musste der Islamist sein Amt verlassen und ging in die Opposition zurück. In einem kaum wahrnehmbaren „sanften Putsch“ hatte die Armeeführung des Landes ihn seines Amtes enthoben. Direkt wollte man nicht intervenieren, denn das hatte man schon drei Mal getan: 1960, 1971 und 1980.

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