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Theodor-Heuss-Preis für Cohn-Bendit : Dany im Kinderladen

  • -Aktualisiert am

Vorwürfe der Pädophilie sind haltlos

Und es gibt Leute, die ihn verehren. Und deswegen Fragen nach den Tatsachen gar nicht erst stellen. Was ist passiert? „Das weiß ich nicht, ich habe ihn nie gefragt, wie es dann weiter ging“, sagte ein ehemaliger Lehrer und Mitstreiter Cohn-Bendits zur F.A.S. „Ich habe das nie in dieser Form getan, nicht in dieser Intensität. Das wäre mir zu sehr auf Inkriminierung gegangen. Mich stört der moralische Furor, mit dem gegen Dany vorgegangen wird.“ Dennoch ist dem Mann heute klar: „Wenn man Avancen nicht eindeutig zurückweist, dann kann es zu schwierigen Situationen kommen. Das muss aber nicht gleich Missbrauch sein.“

Im Jahr 2001, als Klaus Kinkel und eine Boulevard-Zeitung erstmals sehr energisch fragten, was Cohn-Bendits Hosenlatz-Passagen eigentlich bedeuten, tauchte schnell ein Solidaritäts-Brief auf. Es ist bislang stets der große Persilschein für Cohn-Bendit gewesen. Selbst dessen Autoren und Unterzeichner haben aber nicht nach den realen Vorgängen von 1975 gefragt. Sie habe mit Cohn-Bendit nie darüber diskutiert, sagt etwa die Initiatorin des Briefes, Thea Vogel. [...]

Warum schrieb sie dann den Brief? „Ich war empört darüber, dass aus einem Buch, das er 1975 geschrieben hatte, 2001, also 26 Jahre nach seinem Erscheinen, eine Kampagne gegen Dany gemacht wurde, um ihn politisch zu diskreditieren. Ich fand auch die Anschuldigung gegen Dany, dass er pädophil sei, vollkommen haltlos.“

Odenwaldschule galt als demokratische Vorzeigeschule

Also setzte sich Thea Vogel hin, schrieb den Brief („Wir wissen, dass er niemals die Persönlichkeitsgrenzen unserer Kinder verletzt hat“) und bat andere Eltern, ebenfalls zu unterschreiben. Ihren eigenen Sohn konnte sie gar nicht fragen, was in der Uni-Kita Anfang der siebziger Jahre passiert ist - denn der wurde erst 1980 geboren.

Heute, noch einmal zehn Jahre später, ist ihre Haltung zu gegenseitigen Streicheleien am Hosenlatz eindeutig: Sie lehnt das vehement ab. „Ich finde das völlig unangebracht“, sagte sie der F.A.S., „ich muss als Erwachsener sagen: Stopp! Und mich nicht auf zwiespältige Handlungen einlassen.“ Sie ist überzeugt: „Das sieht Dany heute doch auch selber so.“

Wenn es denn so wäre. Aber die Stimme des Mannes, der vielen, vor allen seinen Freunden und Mitstreitern, als moralische Instanz gilt, sie wird schmerzhaft vermisst - von den Opfern sexueller Gewalt. Daniel Cohn-Bendit hat seine ursprüngliche politische Sozialisation auf der Odenwaldschule durchlaufen, jenem Internat, das heute ein Synonym für Missbrauch ist, zu seiner Zeit (1958-1965) aber als demokratische Vorzeigeschule galt. Dany war damals ein Held an dem Reforminternat. „Ich war Danys Gegenspieler im Schülerparlament“, sagt ein Mitschüler von damals - und wiegt den Kopf schweigend. Heute hat Cohn-Bendit seinen Heldenstatus gründlich eingebüßt.

„Für mich als Waisen war diese Schule die Heimat.“

„Große Klappe, offener Hosenlatz - und nichts dahinter“, ärgert sich Adrian Koerfer, ehemaliger Schüler und Opfer der sexuellen Gewalt an der Schule. „Wir neigen nicht zu Verschwörungstheorien, und Daniel Cohn-Bendit ist mit Sicherheit kein Päderast“, sagt Koerfer, „aber solidarisches politisches Engagement und empathisches Handeln sieht anders aus.

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