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Theodor-Heuss-Preis für Cohn-Bendit : Dany im Kinderladen

  • -Aktualisiert am

Am Anfang der Rede noch gefasst

Damals war das ein gängiges Konstrukt. Man kam aus der Prüderie der Erziehungskunst einer Johanna Haarer, die ihr aus der Nazizeit stammendes Buch „Die deutsche Mutter und ihr Kind“ einfach um ein paar „Adolf Hitler“ bereinigte. Da wurde nicht aufgeklärt, sondern abgebunden. Die Achtundsechziger gingen mit Wilhelm Reich dagegen an - nach dem Motto: Aus verklemmten Menschen werden repressive Charaktere, also befreit die Sexualität, am besten die der Kinder.

Heute hasst Cohn-Bendit die Passagen, und auch ein bisschen die, die ihn damit konfrontieren. „Ich habe keinen Bock mehr, mich wegen dieser alten Sache immer wieder rechtfertigen zu müssen“, sagte er kürzlich der Stuttgarter Zeitung. Manchmal lässt er Journalisten ausrichten, sie sollten selber recherchieren. Manchmal vertröstet er sie. „Um das festzuhalten, ich bin bereit in der Woche nach der Preisverleihung mit ihnen ein Gespräch zu führen!“, lautete die Antwort auf eine Interviewanfrage.

Cohn-Bendit mag nicht gern Politiker sein. Auf die Passage im Großen Basar antwortet er so gestochen scharf und zugleich verschwommen, wie es nur ein Politiker tun kann. Der Text ist eine Provokation („Zeit“ 2010), ein unsinniger Text „über meine Erfahrungen als Erzieher“ („Spiegel“ 2012) oder eine Geschichte, „die mich immer wieder einholt“. („taz“ 2013) Enge Freunde berichten, „er leidet unter den immer wieder erhobenen Anschuldigungen“.

Dass er leidet, merkt man bei der Preisverleihung. Am Tag, bevor Cohn-Bendit seinen Preis für neue Wege in der Demokratie bekommen hat, tritt durch einen Vorbericht dieser Zeitung zutage, dass das wichtigste Dokument seiner Verteidigung in Wahrheit nicht viel wert ist. „Da bin ich richtig sauer. Bevor ich anfange“, sagt er zu Beginn noch ganz gefasst, „muss ich zwei Sachen vorausschicken.“

Mitglieder der Jungen Union demonstrieren auf dem Schlossplatz in Stuttgart
Mitglieder der Jungen Union demonstrieren auf dem Schlossplatz in Stuttgart : Bild: dpa

Also erzählt Cohn-Bendit zuerst mal jüdische Witze. Und dann kommt er zur Sache, „damit ihr das ein für allemal wisst: Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe - bis zu meinem Tod, aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht getan habe.“ Er meint damit seinen Text im „Großen Basar“. Und er sagt: Es war eine unerträgliche Provokation - aber es gab keinen realen sexuellen Handlungen mit Kindern. Weiß man das? Woher kann man das wissen?

In der angeblich literarischen Darstellung heißt es sehr konkret: „Da hat man mich der Perversion beschuldigt“ - so fährt Cohn-Bendit fort und berichtet, wie Eltern ihn deswegen aus dem Kinderladen entfernen wollten. „Ich hatte glücklicherweise einen direkten Vertrag mit der Elternvereinigung, sonst wäre ich entlassen worden.“

Interessant ist, dass bislang offenbar niemand Cohn-Bendit danach gefragt hat, was im Kinderladen eigentlich genau passiert ist. Weder Freunde noch professionelle Frager tun das - ein Phänomen, das bei berühmten Persönlichkeiten immer wieder vorkommt. Die Frage „Was hast Du getan?“ oder „Wo haben Sie zurückgestreichelt?“ ist verpönt.

Und entsprechend elegant fallen die Antworten auch aus. „Das war kein Tatsachenbericht, sondern schlechte Literatur“, sagte er der „Zeit“. „Da hat einfach ein Korrektiv in mir nicht funktioniert“, dem „Spiegel“: „Was ich schrieb, war ein großer Fehler. Es tut mir leid.“ Und in der „taz“ geht er zum Gegenangriff über: „Man muss sich keine Illusionen machen. Es gibt Leute, die mich zutiefst hassen.“

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