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Terrorismus : Kann eine Bombe Mensch sein?

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Eine Renaissancekasettendecke von 1674 zeigt, wie Moses die Israeliten durch das Rote Meer führt. Bild: epd

Selbstaufopferung und Selbstanmaßung göttlicher Macht: Worin der fundamentale Unterschied zwischen den von den Dschihadisten als Märtyrer verherrlichten Attentätern und den Märtyrern des Judentums und des Christentums besteht. Ein Gastbeitrag.

          Märtyrer sind seit jeher eine politische Waffe. Sie kann entweder defensiv oder offensiv sein. Beide Varianten gab und gibt es. Muslimische Selbstmordattentäter verstehen und präsentieren sich als Märtyrer. Sie meinen und hoffen, direkt ins Paradies zu gelangen, wo sie seelische sowie körperliche Genüsse und 72 Jungfrauen erwarten.

          Muslime, Juden und Christen benutzen (in unterschiedlichen Sprachen) den gleichen Begriff, verbinden mit ihm allerdings ganz und gar Unterschiedliches. Ein Märtyrer ist für Juden und Christen jemand, der sich selbst für seinen Glauben, für seinen Gott, opfert. Sich selbst opfert – und keine anderen dabei tötet oder ermordet. Für Juden und Christen personifizieren Märtyrer das rein defensive Leid. Ihr Tod ist unfreiwillig, sie haben ihn nicht selbst gewählt. Theologisch vereinfacht entspricht ihr Tod „Gottes unergründlichem Ratschluss“. Ihrem Verständnis zufolge ist allein Gott Herr über Leben und Tod, nicht der Mensch. So gesehen, sind die Mörder dieser Märtyrer Instrumente Gottes. Keiner weiß, weshalb Gott diese ungeheure Ungerechtigkeit zulässt, jeder stellt die Menschheitsfrage nach der Gottesgerechtigkeit beziehungsweise Theodizee.

          Ganz anders die heutigen muslimischen Selbstmordattentäter. Ihr Märtyrertum ist offensiv. Sie sind das handelnde, andere Menschen ermordende Subjekt. Theologisch betrachtet, gleicht dieses Märtyrertum in doppelter Hinsicht Ketzerei. Ob Muslim oder nicht, bei einem Selbstmordanschlag erhebt sich ein Mensch zum Herrn über Leben und Tod anderer Menschen. Er, nicht Gott, vernichtet fremdes Leben und das eigene. Ausgehend von den Grundannahmen des Judentums, des Christentums und auch des Islams, also fundamentaltheologisch gedacht, ist das nichts anderes als Ketzerei, denn letztlich wagt es ein Mensch, Gott „Nachhilfe“ zu geben. Wenn das keine Gotteslästerung ist, was dann?

          Es lassen sich mühelos Koranstellen und andere Zitate aus heiligen Schriften des Islams finden, die belegen, dass die Ungläubigen (wie immer sie definiert werden) bekämpft und getötet werden müssen – aber aus der Defensive. Haben Pariser Konzertbesucher und Einkäufer in einem jüdischen Supermarkt die „Gläubigen“ angegriffen? Die Passagiere auf dem Flughafen oder in der Metro Brüssels? Die Menschen, die in Nizza Frankreichs Nationalfeiertag begangen haben? Wenn Selbstmordattentate nicht Sinn und Ziel der Religionen entsprechen, stellt sich die Frage, wozu sie dann dienen. Meine These lautet: Sie sind Teil einer politisch-militärischen Strategie. Diese These muss begründet werden. Doch zuvor sei das dominante jüdische und christliche Verständnis von Märtyrern ergänzend beschrieben.

          Die Personifizierung eines jüdischen Märtyrers ist Rabbi Akiba (50/55 bis 135 nach Christus). Während des jüdischen Aufstands gegen die römische Weltmacht in den Jahren 132 bis 135 war es den Juden verboten, die ihnen heilige Tora zu lehren. Rabbi Akiba missachtete das Verbot. Im Babylonischen Talmud (Traktat Berachot 61a) lesen wir: „Da kam Papos der Sohn Judas und traf Akiba wie er öffentliche Versammlungen abhielt und sich mit der Tora befasste. Da sprach er zu ihm: Fürchtest du dich denn nicht vor der ruchlosen (römischen) Regierung? Er lehrte weiter, wurde gefasst, gefangen und zum Tode verurteilt. Die Stunde, da man Rabbi Akiba zur Hinrichtung führte, war gerade die Zeit des Sch’malesens („Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig . . . du sollst ihn mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele lieben“).

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