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Gesellschaft : Linke Beziehungskisten

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Bild: ullstein bild - Mehner

Als die Achtundsechziger sich daranmachten, das herkömmliche bürgerliche Wertekorsett aus Wohlanständigkeit und Enthaltsamkeit zu sprengen, war dieses längst Geschichte. Doch auch die schöne neue Alles-über-Sex-sagen-Welt der Linksalternativen war nicht von Dauer - wenn es sie überhaupt je gegeben hat.

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          Es war eine Premiere. „Depressiver, sensibler, fast total geschaffter Typ sucht zum Aufbau einer längerfristigen, fruchtbaren Zweierbeziehung verständnisvolles weibliches Wesen“ hieß es 1977 - mit szenetypisch ironischem Unterton - im allerersten Partnergesuch des Frankfurter Stadtmagazins „Pflasterstrand“. Zehn Jahre zuvor hatte die Studentenbewegung der Sexualität noch eine alles befreiende, revolutionierende Wirkung zugesprochen. Die Neue Linke hatte der „künstlich-plastikartigen Erregungsindustrie“, herkömmlichen Geschlechterrollen der bürgerlichen Kleinfamilie und biederen kirchlichen Sexualitätsvorstellungen den Kampf angesagt. Sie idealisierte die Sexualität zum Gegenpol von Macht und Herrschaft und glaubte, dass deren freies Ausleben einen Prozess der emanzipatorischen Selbstreform auslöse.

          Diese rhetorischen Überhöhungen des Orgasmus entsprachen selbst in der heißen Phase der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1969 keineswegs immer der gelebten Praxis. Es waren oftmals sensationslüsterne Medienberichte, die wie auf einer Projektionsleinwand serienweise Bilder vom phantasierten „Gruppensex“ der Kommunarden entwarfen. Selbst der Berliner Kommune I gefiel das Bild von der „Liebeskommune“ und „Pornogesellschaft“ viel zu gut, als dass sie sich entschieden dagegen gewehrt hätte.

          Als die Journalistin Marianne Schmidt 1967 inkognito nach Berlin reiste, um über die sexuellen Eskapaden der Kommunarden zu berichten, fasste sie nach einer Woche teilnehmender Beobachtung enttäuscht zusammen: „Insgesamt war ich ungefähr eine Woche in der Kommune, aber ich habe nie gesehen, dass sie dort einander auch nur umarmt hätten. Es war vollkommen unkörperlich, über Sex haben sie im Grunde nur diskutiert.“ Schmidts Reportage wurde nicht publiziert. Die beiden Kommunardinnen Dagmar Seehuber und Antje Krüger erzählten später, dass sich der „verklemmte Haufen“ anlässlich des berühmten „Spiegel“-Fotos zum ersten Mal gegenseitig nackt gesehen habe. Man sei anschließend froh gewesen, „sich wieder anziehen zu können“.

          Gegen Ende der siebziger Jahre konstatierten nahezu alle linken Postillen „kaputte Sexualverhältnisse“ im „Krisenkarussell“ der linken „Beziehungskisten“. In den Männergruppen, die sich jetzt formierten, wurden zwar sanfte Formen des Umgangs untereinander und zärtlich-gleichberechtigte Sexualität zwischen den Geschlechtern propagiert. Doch jenseits der Kritik an der „bescheuerten Männlichkeit“ des aggressiven „Mackertums“ beschäftigten sich die Männer vor allem mit den Problemen und Unzulänglichkeiten ihres eigenen, alternativen Gegenentwurfs.

          Nicht nur die „Softis“, auch die linken „Neochauvis“ waren vom glücklichen Rauschzustand sexueller Befreiung weit entfernt. Mit derben Ausdrücken verliehen linke Männer ihren sexistischen Gewaltphantasien in der „tageszeitung“ und im „Pflasterstrand“ offen Ausdruck. Man lasse sich von den „manisch problem- und konfliktsüchtigen“ Feministinnen den „Schwanzfick“ nicht madig machen und träume davon, die als überlegen wahrgenommenen Amazonen „zu verprügeln, totzuschlagen, in der Luft zu zerreißen“. Wie ein Gespenst ging ein neuer machismo in der Szene um. Mit der Allzweckwaffe des Faschismusvorwurfs wurde dieser von den linken Frauenkämpferinnen attackiert: „So locker und unbelastet über seine Taten konnte bisher nicht mal ein KZ-Wächter über seine emanzipatorischen Akte in der ,Nationalen Soldatenzeitung‘ berichten.“

          Der Geschlechterkampf war im linksalternativen Milieu nicht überwunden. Monika Seifert, wichtigste Protagonistin der Frankfurter Kinderladenbewegung, entdeckte „sexuelle Schwierigkeiten“ auf „der ganzen autobiographischen und gesamtgesellschaftlichen“ Linie. Es komme darauf an, die „eigene Problematik kollektiv im politischen Kontext zu verarbeiten“. Kein Wunder also, wenn die seit Beginn der achtziger Jahre meist von Männern inserierten Kontaktannoncen einen unaufhaltsamen Aufstieg innerhalb der linken Stadtmagazine erfuhren. Sie zeigten die zunehmende Vereinsamung und wachsende Kommunikationsbarrieren an.

          Auch die Freude mancher Linksalternativer an dem Ausleben kindlicher Sexualität stellte eine keineswegs durchweg unproblematische Erscheinung dar. Zunächst galt die Entdeckung und Entfaltung einer eigenständigen Form kindlicher Sexualität als eine wichtige Errungenschaft antiautoritärer Erziehung. Die gesellschaftliche Tabuisierung kindlicher Lust, so glaubten die Linken, führe zu autoritären Charakterstrukturen und einer Schädigung des freiheitlichen Lebens. Diese Argumentation machten sich umgehend die pädophilen Randgruppen innerhalb des Milieus zu eigen. Im Gleichschritt mit der Schwulenbewegung versuchten sie, für die Überwindung bürgerlicher Tabus und für die Anerkennung ihrer sexuellen Triebregungen zu kämpfen. Im Zeichen der linksalternativen Mischung aus Tabubruch und Provokation, aus Kritik an staatlicher Sanktionierung und der Hochschätzung sexueller Libertinage forderten Pädophile ganz offen die Abschaffung der Strafbarkeit von Pädosexualität.

          Ganz so, als wäre ihnen die prekäre Lage von Kindern angesichts der machtvollen Dominanz und Überlegenheit von Erwachsenen nicht geläufig, plädierten sie für die Strafbefreiung bei „einvernehmlicher“ Sexualität. Dieter Fritz Ullmann etwa, einschlägig vorbestrafter Lobbyist der Pädophilen in der Berliner „Alternativen Liste“, forderte noch am Ende der achtziger Jahre in der Nürnberger Schwulenzeitung „Rosa Flieder“ linke Solidarität ein. Da Triebtäter innerhalb der Psychiatrie schwerwiegenden Eingriffen ausgesetzt würden, waren Pädophile für ihn vor allem eins - Opfer staatlicher Repression: „Solange noch Pädos in den Knästen selbstgemordet werden oder ,medizinisch ausreichend versorgt‘ krepieren . . ., solange es keinen kümmert, wenn wieder mal einer für ein, zwei, fünf oder mehr Jahre hinter Gittern verschwindet oder psychiatrisiert oder sicherheitsverwahrt wird, so lange werden wir Pädos weitermachen.“

          Im linksalternativen Milieu tummelten sich allerlei kleinere Gruppierungen, wie die in Heidelberg gegründete und dann nach Nürnberg verzogene Indianerkommune. Mit lautstarkem und aggressivem Auftreten kämpften die Kommunarden gegen die „Konsumterrorgesellschaft“, für die Abschaffung der Schulpflicht und für freie Pädosexualität. Ausreißerkinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen fanden hier Unterschlupf. Zu Übergriffen kam es in der Kommune „Aktions-Analytische Organisation“, die 1972 von dem Aktionskünstler Otto Muehl gegründet worden war. Sie löste sich Ende 1991 auf, als der zum despotischen Guru gewordene Muehl zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt wurde. Die Anklage hatte ihm Unzucht und Beischlaf mit Unmündigen, Missbrauch des Autoritätsverhältnisses, Zeugenbeeinflussung und diverse Drogendelikte vorgeworfen. Muehl gab die Beschuldigungen schon zu Prozessbeginn größtenteils zu. Später wurde bekannt, dass viele Mitglieder der AAO seit Jahren an dem sexuellen Missbrauch beteiligt waren.

          Bis in die achtziger Jahre hinein erschienen in „tageszeitung“ und „Pflasterstrand“ immer wieder Artikel von pädophilen Aktivisten, die gegen die „moralinsauere“ bürgerliche Sexualmoral und gegen staatliche Repression wetterten. Auch in Teilen der linken Schwulenbewegung, deren Sexualität zu dieser Zeit als „pervers“ und „jugendgefährdend“ kriminalisiert wurde, gab es Solidaritätsbekundungen. Die Zeitschrift „Rosa Flieder“ etwa beschäftigte die sich oft und ausführlich mit den Forderungen der Pädophilen.

          Bekannt ist auch eine Textstelle in Daniel Cohn-Bendits Selbstdarstellung „Der große Basar“ von 1975, in der er in Provokationspose ein fiktives Erlebnis aus einem Frankfurter Kinderladen schildert. Angeblich habe ihn ein fünfjähriges Mädchen am Hosenlatz gestreichelt. In der berühmten Selbstdarstellung der Berliner Kommune 2 hieß es bereits im Jahr 1969, dass die dreijährige Grischa den Körper eines erwachsenen Kommunarden so sehr gestreichelt habe, dass dieser daraufhin eine Erektion bekam. Erst die Erkenntnis des kleinen Mädchens, dass sein Geschlechtsorgan „zu groß“ sei, habe dazu geführt, dass sie den Gedanken an eine Kopulation fallenließ.

          So provokativ der Selbstbericht dieser frühen Politkommune auch ist - der Vorgang stellt eine Ausnahme dar. Unter den rund 30 000 linken Wohngemeinschaften der siebziger und achtziger Jahre waren die allermeisten nicht einmal für Gruppensex, geschweige denn für Pädosexualität zu haben. Eine wissenschaftliche Befragung im Jahr 1974 ergab, dass nur acht Prozent der Wohngemeinschaftsbewohner feste Paarbeziehungen ablehnten. Die meisten wollten feste und monogame Partnerbindungen, Sexualpartner wurden außerhalb der Wohngemeinschaft gesucht. Entgegen manchen sensationslüsternen Darstellungen in den Medien bestand in der Tat eher eine Art unausgesprochenes „Gruppeninzestverbot“, um Eifersüchteleien innerhalb der Wohngemeinschaften zu vermeiden.

          Auch innerhalb der Partei „Die Grünen“ waren Pädophilie und Pädosexualität Randthemen. Nicht einmal die konservativen Zeitungen oder die Boulevardpresse machten anfangs viel Aufhebens von der 1983 gegründeten grünen Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle (BAG SchwuP). Dabei bot die grüne Partei den Pädophilen ein Forum, um für die Streichung der Strafbarkeit ihrer Sexualität aus dem Gesetzbuch einzutreten. Schon auf der Bundesversammlung in Saarbrücken vom Frühjahr 1980 hatten die Grünen beschlossen, die entsprechenden Strafparagraphen so zu entschärfen, dass sexuelle Handlungen mit Kindern unter 14 Jahren nur bei „Anwendung oder Androhung von Gewalt oder Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses“ strafbar sein sollten. Der Beschluss war offenbar unstrittig, denn es gab keine Änderungsanträge oder Minderheitenvoten. Sexuelle Libertinage rangierte in dieser Logik vor der Schutzbedürftigkeit der Kinder. In Resolutionen für die Landtagswahlprogramme in Rheinland-Pfalz, Bremen, Hamburg oder Berlin sprach man sich Anfang der achtziger Jahre dafür aus, die Pädophilie vom Sexualstrafrecht auszunehmen.

          Die Forderungen nach freier Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen schadeten den um Wählerstimmen werbenden Grünen erst, nachdem auf dem Lüdenscheider Programmparteitag der nordrhein-westfälischen Grünen vom 10. März 1985 die „gewaltfreie Sexualität“ zwischen Erwachsenen und Kindern in das Wahlprogramm aufgenommen worden war. Massive mediale Kritik, aber auch Proteste aus den eigenen Kreisverbänden, insbesondere von den Frauen, waren unüberhörbar geworden. Schon rund eine Woche später, am 16. März, entschied der Landeshauptausschuss, den Programmteil „Sexualität und Herrschaft“ auszusetzen. Auf einem Sonderparteitag in Bad Godesberg Ende März sprachen sich die Parteivertreter nach äußerst turbulenten Diskussionen für eine Schutzaltersgrenze von 14 Jahren aus. In der Landtagswahl am 12. Mai 1985 scheiterten die Grünen abermals an der Fünfprozentklausel.

          Jetzt wurde der Einfluss der BAG SchwuP zurückgedrängt. Anfang 1987 löste sie sich auf. Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre wurden kindliche Wünsche nach Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit von der Erwachsenen-Sexualität abgegrenzt. Das Befreiungstheorem der siebziger Jahre hatte ausgedient.

          Nach den heftigen Debatten vor der vorigen Bundestagswahl haben die Grünen im Sommer 2013 eine wissenschaftliche Untersuchung zur Pädophiliedebatte in Auftrag gegeben. Der bereits Ende 2013 vorgelegte „vorläufige Befund“ des Instituts für Demokratieforschung in Göttingen zeigt, dass diese Debatte um die Pädophilie während der siebziger und achtziger Jahre keineswegs auf das linksalternative Milieu begrenzt blieb. Jenseits der im Jahr 2010 intensiv diskutierten sexuellen Übergriffe auf Kinder in der katholischen und evangelischen Kirche oder in der reformpädagogischen Odenwaldschule war es auch in der Geschichte der Jugendbewegung immer wieder zu entsprechenden Übergriffen gekommen.

          Während man hier jedoch die pädosexuellen Praktiken vertuscht und verheimlicht hatte, argumentierte man in der linksliberalen „Zeit“ der siebziger Jahre ebenso offen wie offensiv gegen die Furcht vor Pädophilie wie im linksalternativen Milieu selbst. „Zeit“-Autoren beklagten, dass „normabweichendes Verhalten“ vorschnell kriminalisiert werde. Es gab liberale Strafrechtsreformer und Sexualwissenschaftler, die sich als Gerichtssachverständige für Pädophile einsetzten. Die im Herbst 1978 gegründete „Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie e. V.“ (DSAP), eine „zentrale Kaderorganisation der Pädophilenbewegung“ (wie der Göttinger Demokratieforscher Franz Walter in seinem Zwischenbericht schreibt), suchte nicht nur Kontakte zu den Grünen, sondern auch Anschluss an FDP und SPD. Während Olaf Stüben von der DSAP in der „taz“ über die „kaputten Spießer“ und „Moralapostel“ lästerte und Kontakte zur Schwulen- und Lesbenbewegung suchte, hatten die Jungdemokraten im März 1980 die DSAP sogar zu ihrer Bundesdelegiertenkonferenz eingeladen und im März 1982 die allgemeine „Abschaffung des Sexualstrafrechts“ gefordert. Darüber hinaus haben Recherchen von Journalisten in den vergangenen Monaten ergeben, dass selbst der Kinderschutzbund zu Beginn der achtziger Jahre pädophilen Positionen eine Plattform geboten hatte. Auch in den Verbandszeitschriften von „pro familia“ waren pädophilenfreundliche Texte erschienen, sogar bis in die neunziger Jahre hinein.

          Wie der Zwischenbericht der Göttinger Forschergruppe zu Recht betont, waren pädophile Forderungen in der „vitalen Phase ab Ende der 19070er Jahre“ in unterschiedlichsten politischen Lagern verbreitet. Pädophile kooperierten mit diversen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Zudem waren die pädophilen Aktivisten international vernetzt und agitierten auch außerhalb der Bundesrepublik, etwa in Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Belgien oder England.

          Wie ist diese zeitweise gesellschaftliche Offenheit für pädophile Forderungen zu erklären? Entscheidend ist, dass diese öffentlichen Auseinandersetzungen mit tabuisierten Sexualitätsformen in eine Zeit fielen, die mit einem grundlegenden Umbruch im Beziehungs- und Sexualverhalten einherging. Die noch in den fünfziger Jahren festgefügte Moral aus lebenslanger Treue, inkriminiertem außerehelichen Zusammenleben, beschwiegener Sexualität und verheimlichter Masturbation stand spätestens ab Mitte der sechziger Jahre im eklatanten Widerspruch zur tatsächlichen sexuellen Praxis.

          Das durchschnittliche Alter des ersten Geschlechtsverkehrs lag schon lange vor 1968 deutlich vor dem der Eheschließung. Auch sexueller Verkehr mit verschiedenen Partnern war weit verbreitet. Bürgerliche Erwachsene hatten in Oswalt Kolle, untere Bildungsschichten in Beate Uhse ihr Vademekum gefunden - die Liberalisierung und Ausdifferenzierung der Sexualität begann nicht erst im Jahr 1968. Die Sexualforscher Hans Giese und Gunter Schmidt kamen in einer im Frühling 1966 durchgeführten repräsentativen empirischen Studie über das Sexualverhalten von Studenten zu dem Ergebnis, dass sich die Zeit zwischen dem ersten Kuss und dem ersten Geschlechtsverkehr deutlich verkürzt hatte. Fast alle verheirateten Studenten und Studentinnen hatten voreheliche Koituserfahrungen gesammelt. Die Achtundsechziger „schleiften eine Burg, die nur noch eine Ruine war und störte: die Burg ,frühkapitalistische Prüderie und Triebverzicht‘“, wie Schmidt schrieb.

          Diese Diskrepanz sollte sich in den Folgejahren noch erweitern. Anfang der siebziger Jahre hatten die Jugendlichen bereits drei oder vier Jahre früher Sex als ihre älteren Geschwister. 1971 hatte jeder dritte Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren Geschlechtsverkehr gehabt, mit 20 Jahren mehr als zwei Drittel der Frauen und drei Viertel der Männer. Dieser Trend hielt in den ganzen siebziger Jahren an. Die Jugendlichen praktizierten wesentlich permissivere Verhaltensformen im vorehelichen Sex als ihre Eltern. Treue war unter den Jugendlichen dieser Zeit so wenig en vogue wie nie zuvor (und nie danach) in der Geschichte der Bundesrepublik. Entscheidend war, dass diese radikalen Umbrüche im Sexualverhalten in den frühen sechziger Jahren kaum thematisiert wurden.

          Der mit avantgardistischer Blindheit geschlagenen Studentenbewegung war diese Entwicklung entgangen. Also arbeitete man sich an der Moral der fünfziger oder der Sexwelle der sechziger Jahre ab. Was Jugendliche außerhalb ihrer eigenen Milieus tatsächlich erlebten, wussten sie hingegen kaum. Die Lust und der Drang, sich umzusehen, wurden bei beiden Geschlechtern größer, die Beziehungen dementsprechend kürzer. Die Figur des unabhängigen Singles entstand, der jedoch meist nicht heroisch sein Leben genoss, sondern häufig im Wartestand auf der Suche nach der nächsten Partnerschaft war und sexuell als depraviert galt. Innerhalb ihrer Beziehungen blieben junge Studenten wie Studentinnen weitgehend monogam, aber die Frequenz der Beziehungen erhöhte sich.

          Dass das herkömmliche bürgerliche Wertekorsett aus Wohlanständigkeit und Enthaltsamkeit angesichts dieses tiefen Umbruchs an der Realität vorbeiging, zeigen auch die Scheidungsziffern, die sich Mitte der achtziger Jahre im Vergleich zum Jahr 1960 mehr als verdoppelt hatten. Auch innerhalb der Ehen war das Bedürfnis nach außerfamiliärer Beratung und Hilfestellung gewachsen - gab es 1958 gerade einmal 17 Eheberatungsstellen, so waren es 1965 schon 125. Zugleich hatte sich die Zahl der wilden Ehen und der Alleinstehenden drastisch erhöht. Nichteheliche Lebensgemeinschaften nahmen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre um vierzig Prozent zu. Die Rollenverständnisse der Geschlechter hinkten dieser Praxis hinterher. Es entstanden aufgestaute Ansprüche, die Unzufriedenheit, Streit und Beratungsbedürfnis vermehrten.

          Gerade in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren war die Treue dem Erlebnisaspekt der Sexualität nachgeordnet - die Erlebnisqualität einer Sexualität ohne partnerschaftliche Verbindlichkeit wurde von Studenten wie Studentinnen gleichermaßen genossen. Dass dies eine vorübergehende Entwicklung war, die mit dem Ende des linksalternativen Milieus und dem Anwachsen der HIV-Gefährdung zurückging, zeigen Folgestudien zur Studentensexualität. Partnerschaftliche Treue und Dauerhaftigkeit der Beziehungen gewannen wieder an Boden. Insgesamt war der Wandel des Sexualverhaltens junger, gebildeter Erwachsener kein abruptes Ereignis, sondern eine kontinuierliche Entwicklung. Die Pluralisierung der Lebens- und Beziehungsformen mochte im linksalternativen Milieu deutlicher ausgeprägt gewesen sein als in der Vergleichsgruppe der Studierenden; im Grunde waren die Unterschiede aber keineswegs grundstürzend oder fundamental. Es entstanden überall neue Formen der sexuellen Bricolage: Erlaubt war, was einvernehmlich unter den Partnern geklärt wurde. Neues Beziehungsmuster wurde die serielle Monogamie aus Lebensabschnittspartnerschaften - im linksalternativen Milieu genauso wie außerhalb. Wer sich heute in der Generation der Vierzig- und Fünfzigjährigen umschaut, entdeckt vielerlei Patchwork-Familien, die aus diesen Beziehungsmustern entstanden und ein neues System des Durchwurstelns bilden, ohne den Anspruch zu erheben, damit ein leitmotivisches Rollenbild entwickelt zu haben.

          Was sich durch die Impulse aus dem linksalternativen Milieu vor allem änderte, war weniger die sexuelle Praxis, sondern etwas anderes: Man konnte, ja musste über seine Sexualität sprechen - von der Masturbation bis zum Fremdgehen. Heimlichkeiten und Doppelmoral sollten im Bekenntnis zur offenen Beziehung überwunden werden, unterschiedliche Sexpraktiken (von der Promiskuität über die Homosexualität bis zur Pädophilie) sollten sagbar werden. Dies firmierte als Selbstbestimmungsdiskurs, der die herkömmlichen sexuellen Normen enttraditionalisierte und pluralisierte.

          Das „Alles-über-den-Sex-Sagen“ wurde zu einem Imperativ, um die vermeintlich „echten“ sexuellen Bedürfnisse freizulegen. Im Anschluss an den französischen Philosophen Michel Foucault kann man argumentieren, dass der Sex durch die Verweigerung des Geheimnisses diskursiv eingehegt wurde. Bindungsbereitschaft, Liebe und Treue galten als „bürgerlich-repressiv“, da das „Besitzdenken“ und „Ausschließlichkeitsprinzip“ nur Leid und Eifersucht produziere. An ihre Stelle rückte die Hochschätzung der „offenen Beziehung“ unter dem Primat der Luststeigerung - ganz ohne Abhängigkeiten und Unterdrückungsverhältnisse.

          Letztlich waren es vor allem die Überschätzung und die Mythisierung der Sexualität als (politische) Erlösung, welche zu den wesentlichen Merkmalen dieser neu codierten linksalternativen Sexualitätsnormen wurden. Da die Realität diesen hochgesteckten Zielsetzungen nicht standhalten konnte, wurde die eigene Partnerbeziehung immer wieder aufs Neue „hinterfragt“ und in Dauerpalaver „ausdiskutiert“. Die positive Kehrseite dieses zuweilen obsessiven „Alles über den Sex“ war die Enttabuisierung vieler Liebes- und Sexformen, vor allem die Anerkennung der Homosexualität.

          Freiheit und Zwang verwiesen in dieser Konstellation jedoch aufeinander und waren miteinander verwoben. Geständnis und Enthüllung vermeintlicher eigener Mängel gehörten zu der frei gewählten Selbstthematisierungskultur. Dabei konnte Selbstbestimmung schnell in Selbstenthüllung und -entblößung umschlagen. Die Linksalternativen leisteten somit einen erheblichen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung und Politisierung der Sexualität. Freilich überschätzten sie deren gesellschaftliche befreiende Wirkung gewaltig und setzten die einzelnen Mitglieder ihres Milieus erheblich unter Druck.

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