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Gesellschaft : Linke Beziehungskisten

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Bild: ullstein bild - Mehner

Als die Achtundsechziger sich daranmachten, das herkömmliche bürgerliche Wertekorsett aus Wohlanständigkeit und Enthaltsamkeit zu sprengen, war dieses längst Geschichte. Doch auch die schöne neue Alles-über-Sex-sagen-Welt der Linksalternativen war nicht von Dauer - wenn es sie überhaupt je gegeben hat.

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          Es war eine Premiere. „Depressiver, sensibler, fast total geschaffter Typ sucht zum Aufbau einer längerfristigen, fruchtbaren Zweierbeziehung verständnisvolles weibliches Wesen“ hieß es 1977 - mit szenetypisch ironischem Unterton - im allerersten Partnergesuch des Frankfurter Stadtmagazins „Pflasterstrand“. Zehn Jahre zuvor hatte die Studentenbewegung der Sexualität noch eine alles befreiende, revolutionierende Wirkung zugesprochen. Die Neue Linke hatte der „künstlich-plastikartigen Erregungsindustrie“, herkömmlichen Geschlechterrollen der bürgerlichen Kleinfamilie und biederen kirchlichen Sexualitätsvorstellungen den Kampf angesagt. Sie idealisierte die Sexualität zum Gegenpol von Macht und Herrschaft und glaubte, dass deren freies Ausleben einen Prozess der emanzipatorischen Selbstreform auslöse.

          Diese rhetorischen Überhöhungen des Orgasmus entsprachen selbst in der heißen Phase der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1969 keineswegs immer der gelebten Praxis. Es waren oftmals sensationslüsterne Medienberichte, die wie auf einer Projektionsleinwand serienweise Bilder vom phantasierten „Gruppensex“ der Kommunarden entwarfen. Selbst der Berliner Kommune I gefiel das Bild von der „Liebeskommune“ und „Pornogesellschaft“ viel zu gut, als dass sie sich entschieden dagegen gewehrt hätte.

          Als die Journalistin Marianne Schmidt 1967 inkognito nach Berlin reiste, um über die sexuellen Eskapaden der Kommunarden zu berichten, fasste sie nach einer Woche teilnehmender Beobachtung enttäuscht zusammen: „Insgesamt war ich ungefähr eine Woche in der Kommune, aber ich habe nie gesehen, dass sie dort einander auch nur umarmt hätten. Es war vollkommen unkörperlich, über Sex haben sie im Grunde nur diskutiert.“ Schmidts Reportage wurde nicht publiziert. Die beiden Kommunardinnen Dagmar Seehuber und Antje Krüger erzählten später, dass sich der „verklemmte Haufen“ anlässlich des berühmten „Spiegel“-Fotos zum ersten Mal gegenseitig nackt gesehen habe. Man sei anschließend froh gewesen, „sich wieder anziehen zu können“.

          Gegen Ende der siebziger Jahre konstatierten nahezu alle linken Postillen „kaputte Sexualverhältnisse“ im „Krisenkarussell“ der linken „Beziehungskisten“. In den Männergruppen, die sich jetzt formierten, wurden zwar sanfte Formen des Umgangs untereinander und zärtlich-gleichberechtigte Sexualität zwischen den Geschlechtern propagiert. Doch jenseits der Kritik an der „bescheuerten Männlichkeit“ des aggressiven „Mackertums“ beschäftigten sich die Männer vor allem mit den Problemen und Unzulänglichkeiten ihres eigenen, alternativen Gegenentwurfs.

          Nicht nur die „Softis“, auch die linken „Neochauvis“ waren vom glücklichen Rauschzustand sexueller Befreiung weit entfernt. Mit derben Ausdrücken verliehen linke Männer ihren sexistischen Gewaltphantasien in der „tageszeitung“ und im „Pflasterstrand“ offen Ausdruck. Man lasse sich von den „manisch problem- und konfliktsüchtigen“ Feministinnen den „Schwanzfick“ nicht madig machen und träume davon, die als überlegen wahrgenommenen Amazonen „zu verprügeln, totzuschlagen, in der Luft zu zerreißen“. Wie ein Gespenst ging ein neuer machismo in der Szene um. Mit der Allzweckwaffe des Faschismusvorwurfs wurde dieser von den linken Frauenkämpferinnen attackiert: „So locker und unbelastet über seine Taten konnte bisher nicht mal ein KZ-Wächter über seine emanzipatorischen Akte in der ,Nationalen Soldatenzeitung‘ berichten.“

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