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Gesellschaft : Linke Beziehungskisten

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Der mit avantgardistischer Blindheit geschlagenen Studentenbewegung war diese Entwicklung entgangen. Also arbeitete man sich an der Moral der fünfziger oder der Sexwelle der sechziger Jahre ab. Was Jugendliche außerhalb ihrer eigenen Milieus tatsächlich erlebten, wussten sie hingegen kaum. Die Lust und der Drang, sich umzusehen, wurden bei beiden Geschlechtern größer, die Beziehungen dementsprechend kürzer. Die Figur des unabhängigen Singles entstand, der jedoch meist nicht heroisch sein Leben genoss, sondern häufig im Wartestand auf der Suche nach der nächsten Partnerschaft war und sexuell als depraviert galt. Innerhalb ihrer Beziehungen blieben junge Studenten wie Studentinnen weitgehend monogam, aber die Frequenz der Beziehungen erhöhte sich.

Dass das herkömmliche bürgerliche Wertekorsett aus Wohlanständigkeit und Enthaltsamkeit angesichts dieses tiefen Umbruchs an der Realität vorbeiging, zeigen auch die Scheidungsziffern, die sich Mitte der achtziger Jahre im Vergleich zum Jahr 1960 mehr als verdoppelt hatten. Auch innerhalb der Ehen war das Bedürfnis nach außerfamiliärer Beratung und Hilfestellung gewachsen - gab es 1958 gerade einmal 17 Eheberatungsstellen, so waren es 1965 schon 125. Zugleich hatte sich die Zahl der wilden Ehen und der Alleinstehenden drastisch erhöht. Nichteheliche Lebensgemeinschaften nahmen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre um vierzig Prozent zu. Die Rollenverständnisse der Geschlechter hinkten dieser Praxis hinterher. Es entstanden aufgestaute Ansprüche, die Unzufriedenheit, Streit und Beratungsbedürfnis vermehrten.

Gerade in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren war die Treue dem Erlebnisaspekt der Sexualität nachgeordnet - die Erlebnisqualität einer Sexualität ohne partnerschaftliche Verbindlichkeit wurde von Studenten wie Studentinnen gleichermaßen genossen. Dass dies eine vorübergehende Entwicklung war, die mit dem Ende des linksalternativen Milieus und dem Anwachsen der HIV-Gefährdung zurückging, zeigen Folgestudien zur Studentensexualität. Partnerschaftliche Treue und Dauerhaftigkeit der Beziehungen gewannen wieder an Boden. Insgesamt war der Wandel des Sexualverhaltens junger, gebildeter Erwachsener kein abruptes Ereignis, sondern eine kontinuierliche Entwicklung. Die Pluralisierung der Lebens- und Beziehungsformen mochte im linksalternativen Milieu deutlicher ausgeprägt gewesen sein als in der Vergleichsgruppe der Studierenden; im Grunde waren die Unterschiede aber keineswegs grundstürzend oder fundamental. Es entstanden überall neue Formen der sexuellen Bricolage: Erlaubt war, was einvernehmlich unter den Partnern geklärt wurde. Neues Beziehungsmuster wurde die serielle Monogamie aus Lebensabschnittspartnerschaften - im linksalternativen Milieu genauso wie außerhalb. Wer sich heute in der Generation der Vierzig- und Fünfzigjährigen umschaut, entdeckt vielerlei Patchwork-Familien, die aus diesen Beziehungsmustern entstanden und ein neues System des Durchwurstelns bilden, ohne den Anspruch zu erheben, damit ein leitmotivisches Rollenbild entwickelt zu haben.

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