https://www.faz.net/-gpf-7oz9k

Gesellschaft : Linke Beziehungskisten

  • -Aktualisiert am

Wie der Zwischenbericht der Göttinger Forschergruppe zu Recht betont, waren pädophile Forderungen in der „vitalen Phase ab Ende der 19070er Jahre“ in unterschiedlichsten politischen Lagern verbreitet. Pädophile kooperierten mit diversen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Zudem waren die pädophilen Aktivisten international vernetzt und agitierten auch außerhalb der Bundesrepublik, etwa in Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Belgien oder England.

Wie ist diese zeitweise gesellschaftliche Offenheit für pädophile Forderungen zu erklären? Entscheidend ist, dass diese öffentlichen Auseinandersetzungen mit tabuisierten Sexualitätsformen in eine Zeit fielen, die mit einem grundlegenden Umbruch im Beziehungs- und Sexualverhalten einherging. Die noch in den fünfziger Jahren festgefügte Moral aus lebenslanger Treue, inkriminiertem außerehelichen Zusammenleben, beschwiegener Sexualität und verheimlichter Masturbation stand spätestens ab Mitte der sechziger Jahre im eklatanten Widerspruch zur tatsächlichen sexuellen Praxis.

Das durchschnittliche Alter des ersten Geschlechtsverkehrs lag schon lange vor 1968 deutlich vor dem der Eheschließung. Auch sexueller Verkehr mit verschiedenen Partnern war weit verbreitet. Bürgerliche Erwachsene hatten in Oswalt Kolle, untere Bildungsschichten in Beate Uhse ihr Vademekum gefunden - die Liberalisierung und Ausdifferenzierung der Sexualität begann nicht erst im Jahr 1968. Die Sexualforscher Hans Giese und Gunter Schmidt kamen in einer im Frühling 1966 durchgeführten repräsentativen empirischen Studie über das Sexualverhalten von Studenten zu dem Ergebnis, dass sich die Zeit zwischen dem ersten Kuss und dem ersten Geschlechtsverkehr deutlich verkürzt hatte. Fast alle verheirateten Studenten und Studentinnen hatten voreheliche Koituserfahrungen gesammelt. Die Achtundsechziger „schleiften eine Burg, die nur noch eine Ruine war und störte: die Burg ,frühkapitalistische Prüderie und Triebverzicht‘“, wie Schmidt schrieb.

Diese Diskrepanz sollte sich in den Folgejahren noch erweitern. Anfang der siebziger Jahre hatten die Jugendlichen bereits drei oder vier Jahre früher Sex als ihre älteren Geschwister. 1971 hatte jeder dritte Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren Geschlechtsverkehr gehabt, mit 20 Jahren mehr als zwei Drittel der Frauen und drei Viertel der Männer. Dieser Trend hielt in den ganzen siebziger Jahren an. Die Jugendlichen praktizierten wesentlich permissivere Verhaltensformen im vorehelichen Sex als ihre Eltern. Treue war unter den Jugendlichen dieser Zeit so wenig en vogue wie nie zuvor (und nie danach) in der Geschichte der Bundesrepublik. Entscheidend war, dass diese radikalen Umbrüche im Sexualverhalten in den frühen sechziger Jahren kaum thematisiert wurden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Weltweit suchen Forscher nach Erkenntnissen zum Coronavirus und zu dessen Ausbreitung.

Wie verläuft die Ansteckung? : Auf den Spuren der Virus-Tröpfchen

Jeden Tag lernen Virologen und Mediziner mehr über Covid-19. Eine große Frage, die sie bewegt: Wie ansteckend ist das Virus? Anhand der ersten Fälle in Bayern haben Fachleute die Infektionswege rekonstruiert – und neue Erkenntnisse zur rasenden Vermehrung gewonnen.
Vorsicht vor dem Virus: Menschen unterwegs in Istanbul

Pandemie im Überblick : WHO warnt warnt vor voreiliger Entspannung

Auch Kanzlerin Merkel ruft die Bürger zur Vernunft auf. Weltweit steigt die Zahl der Coronavirus-Infektionen. Allein Europa zählt mehr als 40.000 Corona-Tote – besonders in Frankreich steigt die Zahl. In Italien keimt zumindest etwas Hoffnung auf.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.