https://www.faz.net/-gpf-80518

Studie zum Linksextremismus : Gegen eine offene Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Die Befragten, die wir als linksextrem einordnen, unterscheiden sich von den anderen Befragten in ihrem Antwortverhalten insbesondere bei den Dimensionen, die die Trennlinien zwischen Radikalismus und Extremismus ausmachen. Sie sagen mit breiter Mehrheit (gegenüber 29 Prozent der Befragten insgesamt), eine wirkliche Demokratie sei nur ohne Kapitalismus möglich, und unterstützen ebenso mehrheitlich die Forderung nach einer Revolution zur Verbesserung der Lebensbedingungen (gegenüber 20 Prozent insgesamt). Zudem sehen sie Deutschland aufgrund zunehmender Überwachung auf dem Weg in eine Diktatur (insgesamt: 27 Prozent). Eine sehr breite Mehrheit der Linksextremen bejaht die Behauptung, Kapitalismus führe letztlich zu Faschismus, und sieht die Gefahr eines neuen Faschismus in Deutschland (insgesamt: 16 Prozent beziehungsweise 18 Prozent). Die Ausländerpolitik halten sie mehrheitlich für rassistisch (insgesamt: neun Prozent), und nahezu alle beobachten eine tief verwurzelte Ausländerfeindlichkeit überall im Alltag (insgesamt: 48 Prozent).

Dennoch: Der Blick auf die Linke in Deutschland muss differenziert ausfallen. Nicht jeder, der in einem Demonstrationszug mitmarschiert, an dem auch Stalinisten, Kommunisten und gewaltbereite Linksautonome teilnehmen, ist von gleicher extremer Denkart. Die entscheidenden Trennlinien zwischen radikalen und extremen Linken zeigen sich an dem Bestreben, die politische und gesellschaftliche Ordnung nicht reformieren, sondern - zumeist mit Gewalt - stürzen zu wollen. Linksextreme Gruppen und Personen propagieren offen ihr Ziel, die bürgerliche Gesellschaft und den bürgerlichen Staat zerschlagen und an seiner Stelle eine neue, anarchistische oder kommunistische Gesellschaftsordnung errichten zu wollen. Sie sind nicht nur antikapitalistisch, sondern auch demokratiefeindlich eingestellt.

Die notwendige Bekämpfung rechtsextremistisch und islamistisch motivierter Gewalt darf den Blick auf linke und linksextremistische Gewalt nicht trüben. Eine Aufrechnung verbietet sich selbstverständlich, denn allen drei Extremismen ist Gewaltverherrlichung und Demokratiefeindlichkeit immanent, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlichen Zielen. Eine wehrhafte Demokratie muss allen Feinden einer offenen Gesellschaft gleichermaßen entschieden entgegentreten.

Monika Deutz-Schroeder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, den Professor Dr. Klaus Schroeder leitet. Gerade erscheint von ihnen das Buch Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder: Gegen Staat und Kapital – für die Revolution! Linksextremismus in Deutschland – eine empirische Studie. Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M.

Weitere Themen

Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel Video-Seite öffnen

Livestream : Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel

Am Mittwoch wird der neue britische Premierminister Boris Johnson zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Verfolgen Sie das Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Livestream auf FAZ.NET

Topmeldungen

Unser Sprinter-Autor: Bastian Benrath

F.A.Z.-Sprinter : Dunkle Wolken am Sommerhimmel

In Sachsen beginnt der Prozess im Mordfall Daniel H., und in Paris möchte Boris Johnson weiter Zugeständnisse beim Brexit-Abkommen erwirken. Wie sie dennoch zu einem lockeren Sommertag kommen, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.