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Studie zum Linksextremismus : Gegen eine offene Gesellschaft

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Wie bei gewaltbereiten Rechtsextremisten stellt sich auch bei Linksextremisten die Frage, ob sie nicht schon vor ihrer Politisierung durch aggressives und gewalttätiges Verhalten auffielen. Eine antizivile Komponente ist ohne Zweifel bei vielen von ihnen vorhanden. In welche Szene aggressive und gewaltbereite Jugendliche rutschen, hängt häufig von dem persönlichen Umfeld und von Zufällen ab. Die Begründungen für linksextreme Gewalt wirken oft wie nachgeschobene Argumente für ausgelebte Aggressivität. Erklärungen nach Übergriffen und Anschlägen klingen wie Kommandoerklärungen von Partisanengruppen. Linksextremisten wähnen sich als Teil einer weltweiten Aufstandsbewegung, die einen historisch gerechtfertigten Kampf für bessere Verhältnisse führt. Das heutige linksextreme Milieu mit seinen unterschiedlichen Strömungen von dogmatischen Marxisten/Leninisten, Trotzkisten bis hin zu anarchistischen und (post)autonomen Gruppen, die eine „Politik in erster Person“ propagieren, steht in der Tradition der kommunistischen und insbesondere der Achtundsechziger-Bewegung. Mit ihr teilen Linksextreme die Ablehnung des Mehrheitsprinzips und des Pluralismus sowie die Fixierung auf eine historische Mission, die es zu erfüllen gilt.

Schon Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hatten sich über Mehrheitsbeschlüsse des zentralen Arbeiter- und Soldatenrates zum Aufbau einer demokratischen Republik hinweggesetzt und zum bewaffneten Putsch aufgerufen. Die Achtundsechziger zeigten offen ihre Verachtung für das parlamentarische System und ließen Andersdenkende, wo immer sie es vermochten, nicht zu Wort kommen. Heutige selbsternannte Revolutionäre, die die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft und die Zerschlagung des bürgerlichen Staates anstreben, setzen diese Tradition fort.

Die Gewichte der einzelnen Strömungen innerhalb des linksextremen Lagers haben sich zugunsten der undogmatischen und autonomen Linken verschoben und Themen und Aktionsfelder zum Teil verändert. Im Zentrum des linksextremen Denkens und Handelns steht jedoch weiterhin die Fundamentalkritik des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft sowie der bürgerlichen Herrschaftsform insgesamt. Über alle Flügel hinweg streben Linksextremisten nach Überwindung des bestehenden Systems und der Schaffung einer „neuen Gesellschaft“, ohne diese Vision zumeist näher erklären zu können. Wohin die Utopie bisher führte, der sie anhängen, klammern sie weitgehend aus. Das revolutionäre Selbstbild duldet keine Beschädigungen durch historische Realitäten.

Die Attraktivität heutiger Gruppen stellt sich unterschiedlich dar: Autonome und Antifa-Gruppen sprechen eher junge Menschen an, die etwas erleben wollen und dies mit dem Kampf für eine „gute Sache“ verbinden. Orthodoxe kommunistische Gruppen ziehen Personen an, die sich an „Gewissheiten“ klammern oder eine „Ersatzfamilie“ suchen. Gruppen, die beides versprechen, zielen insbesondere auf junge Studenten und Schüler, die aus idealistischen Gründen die Welt verändern wollen. Zersplitterung und Streit sowie eine hohe Fluktuationsrate innerhalb der linken Szene erschweren jedoch eine kontinuierliche politische Arbeit. Spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben oder der Gründung einer Familie kehren viele Aktivisten der (militanten) Szene den Rücken zu.

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