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Russlands Schicksalsjahr 1937 : Stimmzettel gegen Volksfeinde

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In Schauprozessen, die es allenthalben im Lande gab, bekannten sich Angeklagte – anders als bei den Prominenten-Prozessen in Moskau – nicht schuldig. Alles deutet auf Improvisation, Chaos, Überforderung, Durcheinander. Die Situation war äußerst verwirrend. „Was geht hier vor sich?“, fragte das ZK-Mitglied Pramnek auf dem Oktober-Plenum: „Ich gehe davon aus, dass es bei uns im Donbass, und wahrscheinlich auch in anderen Gebieten, Wahlkreise gibt, die, wenn wir das nicht in unsere Hand bekommen, unseren Kandidaten durchfallen lassen können.“ Von daher erscheint ganz schlüssig, was der Archangelsker Parteisekretär Kontorin fordert: „Wir bitten und werden das Zentralkomitee bitten, uns zu gestatten, das Limit der ersten Kategorie (die Quoten für Erschießung, Anmerkung des Autors) zu erhöhen in der Vorbereitung der Wahlen.“ So kommt es zu einem regelrechten Wettlauf in der Erhöhung der Planzahlen für die Beseitigung Abertausender von unschuldigen Menschen.

Bei einer Totalmobilisierung und fast perfekten Kontrolle der Wahlen ist es erstaunlich, dass es keine kleine Zahl von ungültigen oder Gegenstimmen gegeben hat. 90 Millionen gingen zu den Urnen. Über 90 Prozent stimmten für den Kandidaten. Immerhin galten 600 000 Stimmen als ungültig. Dort waren die Kandidaten auf dem Wahlzettel durchgestrichen worden. Auf manchen fand man auch Kommentare: „Danke, Stalin“; „Du Schwein“; „Speichellecker“; „Wir brauchen Fleisch, keine Deputierten“; „Korrupt“.

All das zeigt: Die Wahlkampagne war nicht bloß Show, sie war alles andere als eine Farce. Umso erstaunlicher, dass sie bis heute in der Forschung vernachlässigt wird. Es ging dabei zu keinem Zeitpunkt um eine freie Wahl, um die Selbstorganisation konkurrierender Parteien, sondern um etwas anderes: die Form einer Mobilisierung, die dem Zusammenspiel von Macht und Masse, von Regierung und Volk diente, eine Form der Verfertigung des „Sowjetmenschen“, um einen die Massen ergreifenden Akt der Identifikation mit der Sowjetmacht, mit der Partei, besonders aber mit dem Führer.

So gesehen, war sie ein Meisterwerk einer eigentümlichen PR – „piarism“, so nennt es Andrej Meduschewskij in seinem jüngst erschienenen Buch –, mit einer Blockbildung aus Parteimitgliedern und Parteilosen, die im Ausland zum selben Zeitpunkt als „Volksfront gegen den Faschismus“ Schule machte. Staatsritual und Volksfest in einem. Es ging nicht primär um das formale Prozedere, sondern um Einübung in Praktiken der Akklamation und Unterwerfung, um die Erziehung zu einem Reichspatriotismus, um einen Kommunikationsprozess zwischen Macht und Gesellschaft, um die alt-neue Tradition der Anerkennung des „Guten Zaren“.

Potentielle Oppositionsgruppen wurden als verlängerter Arm des äußeren Feindes gebrandmarkt und als „Fünfte Kolonne“ – eine zentrale Chiffre des Spanischen Bürgerkriegs – zum Abschuss freigegeben. Mit der größten Selbstverständlichkeit hat Wjatscheslaw Molotow im Rückblick diesen Zusammenhang benannt und die Stalinsche Vernichtungspolitik gerechtfertigt. Die Sowjetunion hätte, so Molotow im vielzitierten Gespräch mit dem Journalisten Felix Tschujew im Jahre 1978, Hitler nicht besiegt, wenn sie nicht den Feind im Rücken der Sowjetmacht rechtzeitig ausgeschaltet, das heißt vernichtet hätte. Das ist die offizielle Version des Mitstreiters Stalins. Warlaam Schalamow hat eine andere, wenn er sagt: Das Thema der Epoche – der Terror, das Lager – sei im Schatten eines andere Themas – des Krieges – verschwunden.

Dass dieses furchtbare Jahr in der Gesellschaft und in den Seelen der Menschen Wunden und Narben zurückgelassen hat, versteht sich von selbst. Mit den Spurenelemente dieser Erbschaft aus gelenkter Demokratie und Agentenparanoia hat das nachsowjetische Russland bis heute zu tun.

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