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Russlands Schicksalsjahr 1937 : Stimmzettel gegen Volksfeinde

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Tatsächlich gab es Stimmen, die auf die Inanspruchnahme des neuen Wahlrechtes, die Ausübung der geheimen Stimmabgabe setzten. Eine Stimme sagte: „Es ist ein Elend, dass sie die Sinowjew-Leute erschossen haben. Wir hätten für sie gestimmt bei den Neuwahlen.“ Manche riefen die Bauern auf, die kommunistischen Kandidaten zu boykottieren und „unsere eigenen Leute“ zu wählen. Ein anderer sagte: „Jetzt werden die Wahlen geheim sein, und wir können für unsere eigenen Leute und nicht für die Kommunisten stimmen.“ NKWD-Informanten berichteten, dass orthodoxe Aktivisten, Sektenanhänger und Altgläubige die Bauern aufriefen, gegen die Kommunisten zu stimmen, und die Wiedereröffnung der Kirchen forderten. Hier wird deutlich, was schon bei der Volkszählung im Januar zu beobachten gewesen war: An die 57 Prozent der Bevölkerung hatten sich als gläubig bezeichnet. Die orthodoxe Kirche war der ideologische Konkurrent der Partei, die auf dem Land nach wie vor sehr schwach verankert war.

Nichts war in der von sozialen Krisen und Verwerfungen gezeichneten Welt der 1930er Jahre leichter, als das Leitungspersonal zum Sündenbock für alle Zumutungen, Erniedrigungen und Schrecken des Alltags verantwortlich zu machen. Jagd auf Manager, „Spezialistenfresserei“, die Denunziation als Massenerscheinung – all das ist oft als „Stalinismus von unten“ bezeichnet worden. Stalin und seine Leute haben die Kritik- und Hasskampagne bewusst initiiert und befeuert, um das Management der mittleren und höheren Ebene unter Druck zu setzen, zu disziplinieren oder auch zu vernichten, während „das Volk“ diese Rituale nutzte, um mit „denen da oben“ abzurechnen. Nichts war einfacher, als auf solchen Versammlungen mit oft Tausenden Teilnehmern schmutzige Wäsche zu waschen und persönliche Rechnungen zu begleichen: „unmoralisches Verhalten“, wenn jemand einem die Frau ausgespannt hatte, „antisowjetische Reden gehalten“, wenn man es auf die Wohnung eines anderen abgesehen hatte, „Speichelleckerei“, „Kriecherei“, „Arroganz“, „Vetternwirtschaft“ für die weitverbreitete Praxis der Kooptation der Führungsebenen. Abertausende sind im Sturm dieses wohlorchestrierten Volkszorns zu Fall gebracht und vernichtet worden. Das Vokabular und die Rhetorik der Denunziation, des Neides, des „Klassenhasses“ und „gesunden Volksempfindens“ brachen sich Bahn. Diese Mischung aus berechtigter Volksklage und opportuner Massendenunziation ist der Raum, in dem sich das fürchterliche Drama vom Aufstieg der einen und dem Untergang der anderen vollzieht. Ohne die Stimmung einer auf Dauer gestellten Hysterie und Panik, ohne das Zusammentreffen eines Stalinismus von oben und einer Rebellion und Aufstiegsentschlossenheit von unten ist der „Hexensabbat“ der Großen Säuberungen nicht zu verstehen.

Die Parteifunktionäre wussten, was ihnen drohte. Sie berichteten von den Abertausenden von Kulaken, die sich nach Verbüßung ihrer fünf Jahre währenden Strafe – Verbannung, Lager – anschickten, in ihre Dörfer zurückzukehren und ihr Land zurückzufordern. Es waren vor allem Lokal- und Regionalbosse, die vor Unruheherden, Aufständen, Verschwörungen warnten. Wirkliche Wahlen mit mehreren Kandidaten und geheimer Stimmabgabe waren für sie undenkbar, sie verlangten freie Hand. Sie machten Druck und forderten die Erhöhung der „Quoten“ derer, die aus dem Weg geräumt werden sollten.

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