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Russlands Schicksalsjahr 1937 : Stimmzettel gegen Volksfeinde

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Schon in der Nacht bildeten sich Schlangen vor den Büros, um ab 6 Uhr früh dann den Wahlschein auszufüllen und einzuwerfen. Es gab Wahlkabinen, die viele nicht benutzten, weil sie nicht Verdacht erregen wollten, sie hätten etwas zu verbergen oder gar den Namen des Kandidaten durchgestrichen, der vom „Block aus Parteimitgliedern und Parteilosen“ nominiert worden war. Das ganze Land schien sich in einer Mischung aus großer Staatsaktion und landesweitem Volksfest zu befinden. Der Schriftsteller Konstantin Fedin beschrieb die Moskauer Situation: die Straßen und Plätze geschmückt, die Fassade des Bolschoj-Theaters verhängt mit den Porträts der Führung, Busse und Straßenbahnen mit Wahlaufrufen geschmückt, überall ertönt Musik aus Lautsprechern oder von Blasmusikorchestern. Gedichte wurden geschrieben, Buffets aufgestellt. Wahlbüros gab es in Schulen, Kulturpalästen, sogar in Fernzügen. Wer krank und bettlägerig war, wurde von Agitatoren aufgespürt und zur Abstimmung gekarrt. Hunderttausende waren auf den Beinen: auf Straßen und in Parks der Hauptstädte und in der Provinz. Gefeiert wurden nicht nur die Wahlen, sondern 20 Jahre Oktoberrevolution, 15 Jahre Gründung der UdSSR, zehn Jahre Einführung des Sieben-Stunden-Tages, die erfolgreiche Beendigung des zweiten Fünfjahresplans, 20 Jahre Tscheka/NKWD, der erste Jahrestag der Verabschiedung der Stalinschen Verfassung. Vor den Wahlen gab es auch materielle Wohltaten: eine Erhöhung der Mindestlöhne in der Industrie, die Reduktion der Milchlieferungspflicht der Kolchosbauern, die Erhöhung der Gehälter für Hochschullehrer und der Stipendien für Studenten.

Obwohl es sich um die größte Massenmobilisierung des Jahres 1937 handelt, obwohl diese Wahlen bis zum Ende des Sowjetblocks das Grundmuster für den Wahlvorgang in den „Volksdemokratien“ abgaben, kommen die Wahlen in der Darstellung der Stalin-Ära kaum vor. Das liegt kaum an den Quellen – die Massenmobilisierung war allgegenwärtig –, sondern wohl eher an der Perspektive: In dem in Zeiten des Kalten Krieges vorherrschenden Totalitarismusmodell waren sowjetische Wahlen bloß Inszenierung und Farce, kein analysewürdiges Thema. Und als in den 1970er Jahren die sozialhistorische Schule das Reich Stalins mit neuen Augen erschloss, ging es mehr um (unpolitischen) Alltag und Lebenswelt, in der Wahlen als „Haupt- und Staatsaktionen“ nicht mehr „relevant“ waren. So fiel ein Schlüsselereignis durch die Raster paradigmatischer Schulbildungen – Ausnahmen wie die Forschungen von J. Arch Getty, Wendy Goldman, David Shearer oder Andrej Meduschewskij bestätigen nur die Regel.

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