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Russlands Schicksalsjahr 1937 : Stimmzettel gegen Volksfeinde

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Die Zeitgenossen, über die dieser Orkan der Gewalt hinweggefegt war, suchten nach Erklärungen für das Unbegreifliche. Es müsse sich um einen Irrtum handeln, so eine weitverbreitete Deutung. Die politische Führung, vor allem der weise Stalin, wisse nichts von diesen Vorgängen, so eine andere. Da die Kriegsgefahr rings um die Sowjetunion steige – der Nationalsozialismus an der Macht, Japans Aggression in Fernost, der Spanische Bürgerkrieg –, sei die verdeckte Wühlarbeit von Agenten durchaus naheliegend. Aber auch diese Version gab es: Der Faschismus selbst habe in den Sicherheitsorganen die Macht ergriffen. Es ist gerade die totale Willkür und Unbestimmtheit, die Schrecken verbreitete, die Selbstverteidigung paralysierte und die Angst zu einem permanenten Lebensgefühl werden ließ. Wie sollte auch alles zusammenpassen: Die Hauptstadt im Boom von Abriss und Neubau, die Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale und der Bau des 420 Meter hohen Palastes der Sowjets; die Sportlerparaden auf dem Roten Platz und die Hassgesänge gegen die „Volksfeinde“, die soeben noch Helden der Revolution gewesen waren; die fast täglichen Exekutionen auf dem Schießplatz von Butowo im Sommer 1937 und die harmlosen Vergnügungen im Gorkij-Kultur- und Erholungspark.

Eine dramatische Steigerung waren die Wahlen zum Obersten Sowjet am 12. Dezember 1937 – genauer die Gleichzeitigkeit und das Ineinander von „allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen“, wie sie nach der im Dezember 1936 verabschiedeten „Stalin-Verfassung“ durchgeführt werden sollten, und den großen Massenoperationen zur systematischen Tötung von Hunderttausenden von Menschen. Ein Blick in die Zeitungen zeigt sehr schnell, dass es sich bei den Wahlen zum Obersten Sowjet um ein großes Ereignis gehandelt hat. 90 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, ihrer „sozialistischen Bürgerpflicht“ nachzukommen. Der organisatorische Aufwand war gigantisch. Abertausende von Wahlbezirken waren einzurichten, landesweit gab es 130 000 Wahlkommissionen, 1,5 Millionen Menschen waren mit der Durchführung der Wahlen befasst, Tausende von Kandidaten mussten nominiert und registriert werden. Die Durchführung dieser Wahlen war vergleichbar nur mit der anderen organisatorischen Großleistung des Jahres 1937: der Allunionsvolkszählung im Januar, als an einem einzigen Tag die 160-Millionen-Bevölkerung des Reiches zu erfassen und zu kategorisieren war.

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