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Sterbehilfe : Selbstbestimmt sterben - aber wie selbstbestimmt?

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Einer der vier Gesetzentwürfe zum Problembereich des assistierten Suizids, die gegenwärtig im Deutschen Bundestag erörtert werden, hebt die Orientierung an der Selbstbestimmung auf besonders markante Weise hervor. Die Gruppe um die Abgeordneten Peter Hintze (CDU), Carola Reimann und Karl Lauterbach (beide SPD) will einen Anspruch von Patienten auf ärztliche Suizidhilfe im Bürgerlichen Gesetzbuch verankern und die standesrechtlichen Regeln außer Kraft setzen, die einem solchen Anspruch bisher entgegenstehen.

Fragwürdig ist schon, ob der Bundesgesetzgeber auf diese Weise, nämlich jenseits strafrechtlicher Grenzziehungen, in das ärztliche Standesrecht eingreifen kann. Besonders bemerkenswert ist aber, dass zu diesem Zweck ein neuer Abschnitt in das Bürgerliche Gesetzbuch eingefügt werden soll. Er trägt die Überschrift „Selbstbestimmung des Patienten“. Für diesen, nach dem Wunsch der Antragsteller letzten Abschnitt im Buch 4 des BGB, das dem Familienrecht gewidmet ist, ist ein einziger Paragraph vorgesehen. Er soll die „ärztlich begleitete Lebensbeendigung“ als Ausdruck der Selbstbestimmung des Patienten regeln. Andere Sachverhalte, in denen die Selbstbestimmung des Patienten zum Ausdruck kommt, begegnen in diesem Zusammenhang nicht. Der Vorschlag macht also die frei gewählte Lebensbeendigung zum Paradigma der Selbstbestimmung des Patienten überhaupt. Es entsteht der verzerrte Eindruck, als artikuliere sich die Selbstbestimmung eines Kranken nicht als Bestimmung zum Leben, sondern als Bestimmung zum Tod.

Zwar kann die Selbstbestimmung im äußersten Grenzfall auch jene Tat der Verzweiflung einschließen, in der ein Mensch sich das Leben nimmt. In größter Not mag auch der Beistand eines Arztes für einen Sterbenskranken dahin führen, dass er in freier Gewissensentscheidung, zu der das Bewusstsein der Schuldübernahme stets dazugehört, dem Wunsch des Kranken nach Hilfe bei der Selbsttötung stattgibt. Doch aus dieser Grenzsituation den einzigen Fall zu machen, in welchem die Selbstbestimmung des Patienten einer Regelung im Bürgerlichen Gesetzbuch bedarf, verschiebt die Proportionen in verhängnisvoller Weise. Worin zeigt sich die Selbstbestimmung des Patienten? So wird man in Zukunft fragen. Und die Antwort wird heißen: darin, sich - unter Inanspruchnahme kompetenter Assistenz - das Leben zu nehmen.

Gegen das Vorhaben, im Blick auf ethische und rechtliche Probleme am Ende des Lebens dem Grundsatz der Selbstbestimmung eine derart herausgehobene Stellung zuzuerkennen, sprechen mehrere Gründe. Zunächst ist auf den Diskussionsstand der medizinischen Ethik zu verweisen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein weitgehender Konsens über vier Prinzipien herausgebildet, die für die medizinische Ethik zentrale Bedeutung haben: Autonomierespekt, Nichtschädigung, Wohltun und Gerechtigkeit. Aus diesen vier Kriterien nur ein einziges, den Respekt vor der Selbstbestimmung des Menschen, herauszuheben und darüber die anderen zu vernachlässigen ist medizinethisch nicht zu vertreten. So findet beispielsweise der Respekt vor dem autonomen Wunsch eines Patienten stets an der Pflicht zur Nichtschädigung eine Grenze. Deshalb kann ein ärztliches Handeln, das medizinisch nicht indiziert ist, auch nicht mit dem Verweis auf die Selbstbestimmung des Patienten verpflichtend gemacht werden. Vor selbstschädigendem Handeln müssen Ärzte Patienten auch dann zu bewahren suchen, wenn diese darin einen Ausdruck ihrer Selbstbestimmung sehen.

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