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Staatliche Repräsentation : Zwischen Pomp und Zurückhaltung

  • -Aktualisiert am

Bild: BrauerPhotos © J.Reetz

Die Weine, die bei Staatsbanketten serviert werden, erzählen eine Geschichte: die der Bundesrepublik Deutschland.

          11 Min.

          Staatliche Selbstdarstellung wird in Deutschland nur selten thematisiert. Wenn, dann meist aus Anlass von Staatsbesuchen gekrönter Häupter - etwa im vergangenen Jahr, als die britische Königin Elisabeth II. der Bundesrepublik ihren insgesamt fünften Staatsbesuch abstattete. Der Biograph Ihrer Majestät Thomas Kielinger war jedoch nicht zufrieden mit der Repräsentation seines Landes. Er bekrittelte es als „kleinkariert, eine Monarchin in einer Touristenbarkasse mit abgenutzten Sitzplätzen auf der Spree zu hofieren und Otto Normalverbrauchers Weinauswahl beim Staatsdinner aufzutischen“.

          Immerhin fand der Wein öffentliche Beachtung, normalerweise taugt er kaum zum Politikum. Zu Unrecht, denn gustatorische Elemente sind Teil der nationalen Identität, nicht allein in Frankreich. Auch das als Biertrinker- und Brauernation bekannte Deutschland hat einst seinen Ruhm mittels seines Weißweins mehren können. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fehlten Rieslinge von Rhein und Mosel auf keiner Tafel von europäischem Rang. Eine andere Facette der Verbindung von Wein und Macht stellen bis heute die Staatsweingüter dar, die oft herausragende Weinlagen bewirtschaften.

          Die Präsentation von Wein im Rahmen von Staatsbanketten liefert ein Abbild der Bundesrepublik in ihren unterschiedlichen Phasen. Die Unentschiedenheit in Anspruch und Auswahl der Weine reflektiert die Suchbewegung zwischen Pomp und Zurückhaltung, die lange Zeit typisch für das bundesdeutsche Staatszeremoniell war. Nach dem Übermaß der NS-Zeit fiel „die bewusste Repräsentation des gewünschten eigenen Seins“, so die Definition staatlicher Selbstdarstellung in einem der raren zeitgenössischen Werke zu diesem Thema, nicht leicht. Heute erlaubt das Verständnis der Deutschen von Egalität repräsentativ höchstens gehobene Mittelklasse. „Sparsam sein ohne kleinkariert zu wirken und im richtigen Augenblick großzügig sein ohne Protz“, heißt es im „Blauen Günther“, dem Protokoll-Leitfaden des Auswärtigen Amtes. Ausgeschenkt werden demnach bei Staatsbanketten Weine von nicht immer bekannten, aber stets guten, manchmal herausragenden Winzern, selten jedoch deren Spitzengewächse.

          Protokollarisches Handeln ist, wenig überraschend, stark abhängig von Fähigkeiten und Interessen der damit Befassten, bis hin zu den Bundespräsidenten selbst. Theodor Heuss galt als so bescheiden wie kultiviert, Heinrich Lübke als bieder, Gustav Heinemann als puritanisch, Walter Scheel war als Lebemann verschrien, Karl Carstens wurde für unauffällig befunden, Richard von Weizsäcker überstrahlte mit seiner Noblesse alle jüngeren Präsidentschaften. Mit der Weinauswahl hatten die Staatsoberhäupter selten zu tun, gleichwohl wird auf deren Vorlieben und vor allem die ihrer Gäste Rücksicht genommen. Sogar Gustav Heinemann ließ 1971 beim Staatsbankett für das niederländische Königspaar Champagner ausschenken, nachdem Außenminister Scheel darauf hatte hinweisen lassen, dass Prinz Bernhard eine „Idiosynkrasie gegen deutschen Schaumwein“ hege.

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