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Staat und Religion : Der Protestantismus in der deutschen Demokratie

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Bild: dpa

Anders als etwa in den Vereinigten Staaten oder in Skandinavien hatte sich der Protestantismus in Deutschland mit der Demokratie als Staatsform ungleich schwerer getan. Manches Ressentiment ist noch heute zu spüren.

          Religionen können in der freiheitlich-demokratischen Verfassungsordnung nur dann eine produktive öffentliche Rolle spielen, wenn sie sich die Ideen von Menschenrechten und Demokratie theologisch anverwandeln. Diese Konzeption öffentlicher Religion, die Jürgen Habermas in den vergangenen Jahren entwickelte, hat viel für sich. Die Religionen müssen sich „die normativen Grundlagen des liberalen Staates . . . unter eigenen Prämissen aneignen“, so Habermas. Wie mühsam sich dieser Prozess der Aneignung gestalten kann, lässt sich am Beispiel des deutschen Protestantismus zeigen. Sein Verhältnis zur Demokratie ist von Ambivalenzen geprägt. Die Kirche der Reformation hat sich theologisch und kirchenpolitisch erst nach 1945 mühsam mit dem westlichen Verfassungsstaat arrangiert.

          Fragt man nach den Gründen, warum der deutsche Protestantismus, anders als der angloamerikanische und der skandinavische, so lange mit der Demokratie haderte, so muss man bis zur Reformation zurückgehen. Der evangelische Blick auf politische Herrschaft wurde in Deutschland maßgeblich dadurch geprägt, dass Territorialfürsten die Reformation protegierten und zu ihrem Schutz ein landesherrliches Kirchenregiment errichteten. Thron und Altar gingen ein lange währendes Bündnis ein. Im 19. Jahrhundert nahmen Autonomiebestrebungen in der evangelischen Kirche zu, doch das Leitbild eines christlichen Staatswesens blieb protestantische Selbstverständlichkeit. Die Revolution von 1918 war für weite Teile der Kirche deshalb ein Schock. Auf den Übergang zur Weimarer Republik mit ihrer säkularen Verfassung war man mental, politisch und theologisch nicht vorbereitet.

          Ideenpolitisch war der Liberalismus auch innerhalb des deutschen Protestantismus der große Verlierer des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Konservative Kräfte dominierten die evangelische Kirche. Die Theologie folgte zu weiten Teilen einer Lesart der reformatorischen Sündenlehre, die dem von der Aufklärung ausgehenden geschichtsphilosophischen Fortschrittsoptimismus in schroffer Ablehnung gegenüberstand, ein autoritäres Staatsverständnis beförderte und in einem pessimistisch-fatalistischen Menschenbild mündete.

          Die aufkommende soziale Frage setzte zusammen mit dem wirtschaftlichen Liberalismus den politischen Liberalismus dem Verdacht aus, auf die Nöte der Zeit keine Antwort zu bieten. Ein übersteigerter Nationalismus wurde zum Bindeglied zwischen den verschiedenen protestantischen Strömungen. Selbst der liberale Theologe und spätere „Vernunftrepublikaner“ Ernst Troeltsch suchte 1917 dem westlichen Freiheitsverständnis einen spezifisch deutschen Freiheitsbegriff entgegenzusetzen, um so dem „Ansturm der westlichen Demokratie“ zu begegnen.

          Nach 1918 gehörte Troeltsch zusammen mit Martin Rade und Adolf von Harnack zu den wenigen evangelischen Theologen, die sich zur demokratischen Republik bekannten. In den kirchlichen Eliten dominierte die Trauer darüber, dass der Protestantismus seine „geschichtliche Rolle als tragende Grundlage des deutschen Staates endgültig eingebüßt“ hat, wie der Staatsrechtslehrer Rudolf Smend 1932 in der Rückschau formulierte. Smend brachte die innerprotestantische Befindlichkeit prägnant zum Ausdruck: Der demokratischen Ordnung unterwerfe „sich die evangelische Kirche als ihrer nunmehrigen geschichtlichen und damit von Gott verordneten Obrigkeit in aller Loyalität“. Doch solle die Republik keinen Enthusiasmus erwarten: Die evangelische Kirche stünde „einer religionslosen oder doch religiös neutralen Obrigkeit“ selbstverständlich anders gegenüber „als einer Obrigkeit, die vor allem anderen das erste Glied der Kirche sein wollte“.

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