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Staat und Religion : Der Protestantismus in der deutschen Demokratie

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Im Übergang von den siebziger zu den achtziger Jahren formierte sich der politisch aktivistische Teil des Protestantismus um. Neue soziale Bewegungen entstanden, es bildete sich ein ökologisches Bewusstsein. Der Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss und die friedliche Nutzung der Atomenergie wurde maßgeblich aus den Reihen der evangelischen Kirche befeuert, die Ökobewegung fand reichlich Zulauf unter engagierten Christen. Der Protestantismus zeigte sich auf Kirchentagen politisch bewegt. Die Befindlichkeit changierte zwischen Weltuntergangsstimmung und utopistischem Überschwang. Die politische Theologie, ursprünglich ein mit dem Namen Carl Schmitt verbundenes katholisch-konservatives Unterfangen, erlebte in der evangelischen Theologie unter neomarxistischen Vorzeichen eine Wiedergeburt. Theologen wie der junge Wolfgang Huber erlangten im Protest gegen Atomenergie und Nachrüstung Prominenz, indem sie zivilen Ungehorsam gegen Entscheidungen des demokratisch legitimierten Gesetzgebers propagierten und demokratische Verfahren geringschätzten.

Unter dem Eindruck dieser Entwicklungen warf der Münchner Sozialethiker Trutz Rendtorff dem westdeutschen Protestantismus „Demokratieunfähigkeit“ vor. Rendtorff nahm, bezogen auf den Linksprotestantismus, eine Einsicht vorweg, die später der Historiker Götz Aly für die Achtundsechziger-Bewegung formulieren sollte: Die radikalisierte bundesrepublikanische Linke reproduzierte unter veränderten ideologischen Vorzeichen die Verhaltensweisen der antidemokratischen Rechten in Weimar. Auch damals hatte man das Parlament verachtet und der demokratischen Legalität die Legitimität abgesprochen. Paradoxerweise meinte der Linksprotestantismus zugleich, das Versagen weiter Teile der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus durch „nachholenden“ Widerstand in der Bundesrepublik wiedergutmachen zu können.

Um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, sollte nach den Vorstellungen führender Vertreter der evangelischen Kirche eine kirchliche Denkschrift den freiheitlich-demokratischen Verfassungsstaat des Grundgesetzes und seine repräsentativ-demokratische Regierungsform positiv würdigen. Erarbeitet wurde dieses Werk - wie schon die Ostdenkschrift - von der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, der Rendtorff damals vorsaß. Sie erschien vor 30 Jahren und trug den Titel „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe“. Die theologischen Grundeinsichten, die damals formuliert wurden, sind bis heute aktuell. Sie bündeln Erkenntnisse der politischen Ethik des Protestantismus, die nach 1945 mühsam gewonnen worden waren.

Die tragende Rolle der evangelischen Kirche und ihrer Mitglieder bei der friedlichen Revolution 1989 in der DDR sollte viele der zunächst nur auf Westdeutschland zugeschnittenen Überlegungen später bestätigen. Wie selbstverständlich setzt die Demokratie-Denkschrift mit der Menschenwürde ein. In origineller Weise nimmt sie die christliche Sündenlehre für eine Verteidigung der demokratischen Herrschaftsform in den Dienst: In Sünde verstrickt sind nicht nur die Regierten, sondern auch die Regierungen. Damit rechnet die Demokratie, weil sie Begrenzungen und Kontrollen etabliert und vor Missbrauch schützt. Wer von der Würde des Menschen redet, muss zudem dessen Verantwortungsfähigkeit beachten, so die Denkschrift. Das führt zu einer neuartigen Perspektive auf die lutherische Berufslehre: „Die politische Verantwortung ist im Sinne Luthers ,Beruf‘ aller Bürger in der Demokratie.“ Ungeachtet „der besonderen Nähe . . . zwischen den geistigen Grundlagen der demokratischen Staatsform und dem christlichen Menschen-bild“ wird peinlich genau zwischen „dem geistlichen Auftrag der Kirche und dem weltlichen Auftrag des Staates“ unterschieden. Politik bilde keinen Heilsersatz.

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