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Staat und Religion : Der Protestantismus in der deutschen Demokratie

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Innerkirchlich boten die Kontroversen der Adenauer-Zeit allerdings Gelegenheit, eine demokratische Streitkultur zu lernen. Politische Positionen und theologische Fundierungen in der evangelischen Kirche prallten oft unversöhnlich aufeinander. Gerade hierdurch wurde die Pluralität protestantischer Haltungen in Fragen politischer Weltanschauung und praktischer Tagespolitik offensichtlich. Die kirchenleitenden Gremien in der EKD und ihren Gliedkirchen versuchten zu vermitteln, auszugleichen und für wechselseitige Duldsamkeit zu werben. Die evangelische Kirche als Ganze etablierte sich hierdurch letztlich als politisch moderate, pluralismusfähige und sozialintegrative gesellschaftliche Kraft.

Die Integrationsfähigkeit wurde im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierungsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre abermals auf die Probe gestellt. Gesellschaftspolitisch brachen bewegte Zeiten an: Deutschland erlebte einen Säkularisierungsschub, und die politischen Diskurse gewannen in der gesellschaftlichen Selbstverständigung gegenüber der religiösen Sphäre und kirchlichen Institutionen an Autonomie. Traditionen wurden ebenso in Frage gestellt wie Autoritäten - beides traf die Kirchen. Die von ihnen propagierten Familienbilder und Geschlechterrollen standen in der Kritik, alternative Lebensformen gewannen an Attraktivität. Man debattierte über die Demokratisierung der Gesellschaft. Fragen internationaler Verteilungsgerechtigkeit spielten zunehmend eine Rolle. Im Ost-West-Konflikt suchte die Bundesrepublik neue Akzente in der Außenpolitik zu setzen.

Der deutsche Protestantismus wurde durchgehend von diesen Entwicklungen erfasst. Besondere Wirkmächtigkeit wird ihm in der Vorbereitung der Ostpolitik zugeschrieben. Am 24. Februar 1962 erschien das Tübinger Memorandum, in dem unter anderem die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze verlangt wurde. Autoren des Memorandums waren prominente Persönlichkeiten, „überzeugte evangelische Christen, erfüllt von einem protestantischen Ethos“ (Martin Greschat). Sie waren mit freiheitlich-demokratischem Sendungsbewusstsein ausgestattet und suchten die politische Öffentlichkeit, um ihr Anliegen jenseits überkommener theologischer Lager und ohne kirchenleitende Autorisierung zur Geltung zu bringen. Die Tübinger Initiative mündete innerkirchlich in der 1963 bis 1965 von der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD erarbeiteten „Ostdenkschrift“, in der Grundlinien einer neuen Außenpolitik gegenüber den östlichen Nachbarn vorgezeichnet wurden.

Die evangelische Kirche öffnete sich auf diese Weise der Fachkenntnis christlicher „Laien“. Auch die theologische Ethik nahm Impulse von außen und gesellschaftstheoretische Fragestellungen auf und suchte Anschluss an die Menschenrechtsdebatten der Philosophie sowie an die Ökumene. Beide Neuerungen, die gesellschaftstheoretische Öffnung und die theologische Anverwandlung der Menschenrechte, erlaubten es der evangelischen Ethik, sich auf die Bedingungen religiös-weltanschaulich pluraler Gesellschaften einzustellen. Kulturelle Veränderungs- und Individualisierungsprozesse konnten aufgrund dieser Anpassungen besser verarbeitet werden, ebenso wie das dem liberal-demokratischen Verfassungsstaat eigene Verhältnis von individueller Selbstbestimmung und kollektiver Selbstregierung.

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