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Staat und Religion : Der Protestantismus in der deutschen Demokratie

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Die theologischen Impulse waren wichtig. Doch brachte der Versuch, die reformatorische Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Regiment Gottes durch eine christologische Zentralperspektive zu ersetzen, neue Probleme mit sich. Der von Barth propagierte politische Daueraktivismus der Christen setzte die Politik hohen moralischen Erwartungen aus, die notwendigerweise enttäuscht wurden. Die politische Ethik der Königsherrschaft Jesu Christi mündete ungeachtet der mit großem rhetorischem Aufwand betriebenen Abgrenzung zur lutherischen Tradition in einem vergleichbaren Konzept von Elitendemokratie. Letztlich pflegte man über die unterschiedlichen theologischen Lager des Protestantismus hinweg die gleichen Ressentiments: Zu den Vorbehalten gegenüber Individualismus, Liberalismus und Kapitalismus und, eng damit verbunden, gegenüber dem angloamerikanischen Verfassungsmodell kam die Aversion gegenüber der Vorstellung hinzu, dass Recht sich durch das demokratische Verfahren legitimiert, nicht durch den sittlichen Wert seines Inhalts. Das Gemeinwohl verstanden Lutheraner wie Barthianer gleichermaßen nicht als fairen, verfahrensgeleiteten Ausgleich zwischen legitimen pluralen Interessen, sondern als objektive vorgegebene Größe. Auch dem alltäglichen Wettbewerb politischer Parteien stand man distanziert gegenüber. Es dauerte lange, bis die theologischen Ethiken in den Grundzügen umgeschrieben und den normativ-politischen Programmen der Moderne weitergehend angepasst wurden.

Auch die politische Konfliktgeschichte der frühen Bundesrepublik prägte die Anverwandlung der Demokratie seitens des westdeutschen Protestantismus. Teile der Kirche und der evangelischen Milieus lagen lange Zeit über Kreuz mit der Entwicklung, die die Bundesrepublik unter der Kanzlerschaft Konrad Adenauers nahm. Während sich die katholische Kirche von Beginn an mit der Bonner Republik identifizierte, stellte sich für die evangelische Kirche die Gründung zweier deutscher Teilstaaten weit stärker als Verlustgeschichte dar. Der Protestantismus büßte in Westdeutschland seine angestammte Mehrheitsposition ein. Auch deshalb wurden zentrale Entscheidungen der frühen Bundesrepublik - die Westintegration als Verfestigung der Teilung, die eng damit verbundene Frage der Wiederbewaffnung sowie die ordoliberale Wirtschaftspolitik in Abgrenzung zur Plan- und Gemeinwirtschaft - innerevangelisch höchst kontrovers diskutiert.

Die Protestanten in den beiden Unionsparteien, die 1945 bewusst konfessionsübergreifend gegründet worden waren, hielten Adenauer die Treue. Nur Gustav Heinemann, damals Bundesinnenminister und zugleich Präses der EKD-Synode, wechselte im Streit das politische Lager. Die nationalprotestantischen und brüderkirchlichen Gegner der Regierung Adenauer überschätzten wohl ihren Rückhalt in der Bevölkerung. Besonders die aus den Reihen der Bekennenden Kirche stammenden Protagonisten wie Martin Niemöller bemerkten nicht, dass das moralische Ansehen, das sie im Kampf gegen den nationalsozialistischen Totalitarismus erworben hatten, in der nachfolgenden Demokratie nicht mit einer privilegierten politischen Einflussnahme einherhing.

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