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Staat und Religion : Der Protestantismus in der deutschen Demokratie

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In der akademischen Theologie Weimars dominierten Skepsis und Ablehnung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie. In diesem Punkt stimmten Ansätze überein, die sonst nur wenig gemein hatten: die Lutherorthodoxie eines Karl Holl, die präfaschistische Volks- und Ordnungstheologie von Paul Althaus und Emanuel Hirsch, der religiöse Sozialismus eines Paul Tillich und die Theologie der Krise Karl Barths. Die im Kaiserreich noch blühende liberal-aufgeklärte Schule in der evangelischen Theologie verlor hingegen dramatisch an Boden. Die Auflösung der politischen Mitte, abzulesen an den Wahlergebnissen der Weimarer Republik, bildete sich in der evangelischen Theologie ab. Dazu trug auch der „Jahrhunderttheologe“ Karl Barth bei, dessen demokratische Sozialisation in der Schweiz zunächst keine theologischen Spuren hinterließ. Er bezeichnete die liberale Theologie 1919 als „Entartung“ und verbat sich jedwede theologische Stellungnahme zugunsten der Demokratie. Als Barth diese Position 1938 revidierte, um fortan eine besondere Affinität des Christentums zur Demokratie auszumachen, war es zu spät: Weite Teile der evangelischen Christenheit in Deutschland hatten sich unter dem Eindruck der Dauerkrise des bürgerlichen Bewusstseins, der ökonomischen Verwerfungen der Zeit und ideologischer Verführungskunst dem Nationalsozialismus zugewandt. Immerhin: Die Bekennende Kirche widersetzte sich mit dem Ziel, die kirchliche Eigenständigkeit zu wahren; maßgebliche Persönlichkeiten des Widerstands waren kirchlich geprägt und begründeten ihr Handeln mit christlichen Motiven. Doch auch innerhalb dieser Kreise war es keineswegs selbstverständlich, für eine freiheitlich-demokratische Verfassungsordnung westlichen Musters einzutreten. Eine ständestaatliche Neuordnung Deutschlands erschien vielen Mitgliedern des Widerstands vorzugswürdig.

Auch nach 1945 hatte der westdeutsche Protestantismus Mühe, seine vor- und antidemokratischen Prägungen abzustreifen. Theologisch blieb die Demokratie „das eigentlich unbewältigte Thema“ des Luthertums, wie der Theologe Wolfgang Trillhaas 1956 diagnostizierte. Trillhaas trieb wie wenig später auch den Berliner Bischof Otto Dibelius die Frage um, ob der demokratische Staat überhaupt eine Obrigkeit im theologischen Sinne darstellt. Da Demokratie Herrschaft auf Zeit bedeutet, kenne sie Legalität, aber keine staatsmetaphysisch begründete Autorität.

In den ersten lutherischen Deutungen der Bonner Demokratie wurde der Staat des Grundgesetzes zwar als Ordnungsmacht anerkannt und so eine Grundloyalität zu ihm begründet. Doch Volkssouveränität erschien den damals führenden Denkern zugleich als Infragestellung göttlich gestifteter Ordnung. Es dominierten weiterhin ein pessimistisches Menschenbild und ein obrigkeitlich-paternalistisches Politikverständnis. Soziale Dynamiken oder Interessenpluralismus spielten keine Rolle. Dem freiheitlichen Verfassungsstaat wurde kein ethischer Mehrwert zugestanden. Auch von Menschenwürde und Menschenrechten war noch keine Rede.

Vom Luthertum suchten sich diejenigen Strömungen in der evangelischen Theologie abzugrenzen, die das reformierte und das brüderkirchliche Erbe der Bekennenden Kirche pflegten. Sie wollten die demokratische Staatsform theologisch eigens würdigen und taten dies ironischerweise mittels der monarchischen Metapher der „Königsherrschaft Jesu Christi“. Die Ablehnung lutherischer Staatsmetaphysik drängte diese Kreise um Karl Barth und Ernst Wolf zu einem pragmatisch-funktionalen Staatsverständnis. Christen sahen sie ethisch in der Pflicht, an der zukünftigen politischen Gestaltung mitzuwirken. Der Staat wurde nun als Personenverband beschrieben und nicht mehr als eine gottgewollte, den Menschen gegenüberstehende Institution.

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