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Spanien : Das katalanische Problem

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Die katalanischen Nationalisten wussten um die Relevanz sogenannter „objektiver“ und „subjektiver“ Faktoren in den Theorien des Nationalismus, sie hatten Herder und Ernest Renan gelesen. Sowohl Herkunft, Tradition und Sprache als auch das subjektive Bekenntnis wurden Säulen der Legitimation des katalanischen Nationalismus. Als Grundlage für das Selbstverständnis der Katalanen als „Nation“ erschien im Autonomiestatut nun das „Fühlen und Wollen“ seiner Bewohner. Beides wurde jetzt von Institutionen der Zivilgesellschaft umfassend mobilisiert. Besonders die 2012 gegründete Assemblea Nacional Catalana (ANC) setzte Maßstäbe: Durch die Organisation von Mega-Massenevents anlässlich der katalanischen Nationalfeiertage entstand bald der Eindruck, dass ganz Katalonien für die Unabhängigkeit auf die Straße gehe.

Als Ziel galt nun nicht mehr ein Arrangement innerhalb des spanischen Staates, und sei es auf der Basis einer doppelten, spanischen und katalanischen Identität. Das war die Politik von gestern. Den nationalistischen Aktivisten ging es jetzt um die Unabhängigkeit und Loslösung von Spanien. Dafür wurde ein neues Emotionsregime wichtig, das sich in besonderer Weise aus Geschichtsbildern speiste. Es brauchte jetzt Erzählungen, die den Katalanen möglichst viel Gutes und den Spaniern möglichst viel Böses zuschrieben.

Das war umso leichter, als Spanien seit 2007 in der Wirtschafts- und Korruptionskrise versank. Die Katalanen wurden als fröhliche, fleißige, freiheits- und friedliebende Demokraten und Europäer in Szene gesetzt, während „die Spanier“ als korrupt, repressiv, franquistisch beziehungsweise faschistisch beschrieben wurden. Von zentraler Bedeutung wurde die Erzählung von der katalanischen Unterdrückung durch die Spanier vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Natürlich hat es alle diese Elemente gegeben. Aber wenn systematisch alle anderen Fakten weggelassen werden, die einer solch einseitigen Sicht entgegenstehen, wird daraus das Paradebeispiel einer politisch instrumentalisierten Geschichtsklitterung. Kein Wunder, dass bald viele an die Mär von der unentwegten Demütigung der Katalanen durch Spanien glaubten, schließlich verbreiteten selbst katalanische Historiker dieses Narrativ. „Weil dieser Staat immer, immer gegen Katalonien war und ist“, hätten sich die Katalanen von ihm abgewandt – so die einstige Vorsitzende der ANC und spätere Präsidentin des katalanischen Parlaments Carme Forcadell. Die Unabhängigkeit sei eine Frage des Überlebens für das katalanische Volk, andernfalls drohe der Untergang.

Angesichts der populistischen Vehemenz, mit der diese Bilder und Emotionen verbreitet wurden, ist es bemerkenswert, dass sie bei der Wahl vor zwei Jahren nur rund die Hälfte der Bevölkerung Kataloniens überzeugten. Wie auch immer die Wahl in dieser Woche ausgehen wird, sie wird Rückwirkungen sowohl auf Katalonien als auch auf andere Regionen sowie den Gesamtstaat haben. Politische Lösungen werden es schon deshalb schwer haben, weil durch die polarisierende Emotions- und Geschichtspolitik Zerwürfnisse nicht nur zwischen Zentrum und Peripherie, sondern auch innerhalb der katalanischen Gesellschaft entstanden sind. Aber auch das ist nicht neu. Schon 1932 berichtete Ortega y Gasset, dass die Gefühle der Katalanen, die sich nicht als Spanier fühlten, denen gegenüberstünden, die Katalonien als integralen Bestandteil Spaniens empfänden. Mal dominierten die einen, mal die anderen. Letztlich aber bleibe es das gemeinsame Schicksal aller, sich – wenn auch mit Schmerzen – wechselseitig zu ertragen.

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