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Spanien : Das katalanische Problem

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Als entscheidend für die Herausbildung peripherer Nationalismen in Spanien erwies sich jedoch eine Entwicklung, die gegenläufig zu jener anderer europäischer Staaten verlief. Während diese im 19. Jahrhundert ihr wachsendes Machtpotential durch imperiale Expansion unterstrichen, ging das spanische Imperium nahezu gänzlich verloren. Die Spanier, deren Herrscher im 16. Jahrhundert noch die Universalherrschaft vor Augen hatten, standen nun mit leeren Händen da. Der Tiefpunkt war erreicht, als Spanien 1898 im Krieg gegen die Vereinigten Staaten unterlag und die letzten größeren Kolonien (Kuba, Puerto Rico und die Philippinen) verlor.

Die Katastrophe des Jahres 1898 wurde zum Auftakt einer breiten intellektuellen Auseinandersetzung über das „spanische Wesen“. Die sogenannte „Generation 98“ erging sich in Diagnosen und Therapiemöglichkeiten der „spanischen Krankheit“. Wiederum rückte das Siglo de Oro des 16./17. Jahrhunderts in den Vordergrund. Zum einen, weil der Reichtum an Kultur zu den Errungenschaften zählte, die geblieben waren, zum anderen, weil Don Quijote de la Mancha, der Ritter von der traurigen Gestalt, zur Metapher wurde, in der sich die Spanier selbst erblickten.

Mit keinem anderen Sujet setzten sich Literaten, Publizisten und Politiker derart intensiv auseinander wie mit dieser Schöpfung des Dichters Miguel de Cervantes (1547–1616). Dabei stand Don Quijote nicht nur für einen idealistischen, weltfremden Archetypus, sondern auch für eine geographische Schwerpunktsetzung: Spanien wurde im Zuge des Nationalisierungsprozesses des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit Kastilien gleichgesetzt, auf dessen „Essenz“ es sich zu konzentrieren gelte.

Doch just in der Identitätskrise der Spanier präsentierte sich ein katalanischer Nationalismus selbstbewusst als Gegenmodell. Katalonien hatte zwar nach der Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg 1714 die althergebrachten Privilegien eingebüßt, aber von der Wirtschaftsentwicklung des 18. Jahrhunderts profitiert. Am Ende des 19. Jahrhunderts erlebte es – ähnlich wie das Baskenland – einen Aufschwung als Industriestandort. 1888 konnte die katalanische Hauptstadt Barcelona ihren Aufstieg im Rahmen der Weltausstellung einem internationalen Publikum vor Augen führen. Der Korrespondent der Londoner „Times“ berichtete begeistert über den zur Schau gestellten Luxus, der davon zeuge, dass Spanien zu den fortschrittlichsten Staaten Europas gehöre. Katalonien galt – mitsamt all seinen regionalen Eigenheiten – unstrittig als Teil Spaniens.

Vor diesem Hintergrund zählt es zu den erstaunlichsten Phänomenen der jüngeren spanischen Geschichte, wie schnell sich der katalanische Nationalismus entwickeln konnte. So hatte der spanische Politiker Antonio Cánovas del Castillo 1882 eine umfangreiche „Rede über die Nation“ gehalten. Mit nicht einer Silbe nahm er Bezug auf einen regionalen Nationalismus. Diese Gefahr schien noch gar nicht vorhanden zu sein.

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