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Soziale Gerechtigkeit : Ungleich ist nicht immer ungerecht

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Ungleichverteilung von Einkommen ist daher nicht per se ein Übel. Sie ist ungerecht aufgrund der negativen Wirkungen, die diese Ungleichverteilung haben kann. Es sind vor allem drei Entwicklungen, die Sorge bereiten müssen: Die erste ist das wachsende Volumen des privaten Vermögens, das weltweit auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten ist und den Kasinokapitalismus befeuert. Das Verhältnis dieser Größe zum Weltsozialprodukt hat sich kontinuierlich verschlechtert, das heißt, das Anlagenkapital wächst weit stärker als das Weltsozialprodukt. Im Turnus von etwa einer Dekade hat sich der Prozentsatz seit den 1980er Jahren jeweils verdoppelt. Ein weiteres Anwachsen des Anlagenkapitals muss mit mathematischer Notwendigkeit in die nächste Weltfinanz- und dann Weltwirtschaftskrise führen. Zweitens bedeutet eine stärkere Akkumulation von Vermögen bei wenigen das Fehlen von Kaufkraft bei den vielen.

Menschen ohne Collegeabschluss sind in den Vereinigten Staaten seit den 1970er Jahren vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt. Das erklärt, warum die Mehrheit der Amerikaner glaubt, die Wirtschaft befinde sich in einer chronischen Rezession. In Wirklichkeit liegen die Wachstumsraten über denen Europas. Wenn aber das Wirtschaftswachstum einer Nationalökonomie von den oberen ein bis drei Prozent der Bevölkerung fast vollständig vereinnahmt wird, entsteht zwangsläufig eine Legitimitätskrise der Wirtschaftsverfassung. Nur wenn die Besserstellung der Hochverdiener als Preis der Wirtschaftsdynamik interpretiert werden kann, von der hinreichend viele profitieren, lässt sich ökonomische Ungleichheit in der Demokratie legitimieren.

Die Entfesselung der Marktdynamik entfaltet zunehmend eine selbstzerstörerische Kraft. Die Ungleichverteilung ökonomischer Märkte ohne das Versprechen des Wohlstands für alle ruft zwangsläufig politische Gegenkräfte auf den Plan, die auf den Primat der Politik dringen und die Marktdynamik domestizieren wollen. Es ist kein Zufall, dass die rechtspopulistischen Bewegungen von Donald Trump über Ukip, den Front National bis zu PiS in Polen und Orbán in Ungarn sich zunehmend einer antikapitalistischen Rhetorik bedienen. Dieses Muster ist aus den 1930er Jahren wohlvertraut. Zu hören ist eine Kritik an Freihandel und an staatlichem Kontrollverlust, die gute Teile der politischen Rechten und der politischen Linken eint. Die Nähe von Hillary Clinton zur Wall Street wurde nicht nur von Bernie Sanders in der Vorwahlkampagne, sondern jetzt auch von Donald Trump massenwirksam angeprangert. Marine Le Pen hat die wirtschaftsliberalen Elemente gegen eine sozialromantische Rhetorik eingetauscht, und selbst in der AfD werden die Stimmen lauter, die das Erbe von Parteigründer Lucke zugunsten einer konsequenten Sozialstaatsorientierung aufgeben wollen.

Die Erfolge Trumps in den Vereinigten Staaten, die, wenn man die europäische Berichterstattung zugrunde legt, unverständlich erscheinen müssen, haben zum großen Teil mit dem Deklassierungsgefühl der ökonomisch Abgehängten in den Arbeiter- und unteren Mittelschichten zu tun. Die Antwort der demokratischen Parteielite lautet Bildungs- sowie Geschlechtergerechtigkeit. Diese Versprechen verfangen in den unteren Lohngruppen nicht mehr. Sie glauben der Erzählung vom Aufstieg durch Bildungsanstrengungen nicht und misstrauen den akademischen Intellektuellen, die ihnen das nahelegen. So wichtig Bildungsgerechtigkeit und -inklusion sind, die ökonomische Marginalisierung aufhalten oder gar umkehren können sie nicht.

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