https://www.faz.net/-gpf-8oiz6

Soziale Gerechtigkeit : Ungleich ist nicht immer ungerecht

  • -Aktualisiert am

Woran erkennt man Ungerechtigkeit? Jedenfalls nicht an dem Maß der Gleichheit, wenn es nach John Rawls geht, dem bedeutendsten Gerechtigkeitstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Politische Gerechtigkeit hat für Rawls zwei Prinzipien. Das erste schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihr Leben nach eigenen Vorstellungen ohne Eingriffe des Staates und Dritter leben können: ein System gleicher maximaler Freiheiten und Rechte. Das zweite Element lässt Ungleichheiten in der Gesellschaft nur in dem Maß zu, in dem es allen, zumal der am schlechtesten gestellten Gruppe von Personen, von Nutzen ist. Eine maximale Gleichverteilung kann also ungerecht sein: etwa dann, wenn eine Ungleichverteilung, die zum Beispiel dadurch entstehen mag, dass diejenigen, die sich besonders anstrengen, auch besser vergütet werden, allen einen Vorteil brächte, selbst denen, die dann am schlechtesten vergütet würden.

Das Argument von John Rawls kann man auch anders präsentieren: Es beruht auf der Grundidee, dass wir die Gesellschaft als eine Form der Kooperation verstehen sollten, die allen zugutekommt und deren Früchte entsprechend verteilt werden müssen. Wenn Vorteile der ohnehin schon Bessergestellten den Schlechtergestellten nicht mehr zugutekämen, dann wären die gewissermaßen nicht mehr Teil dieser Kooperation. Sie wären dann möglicherweise noch Gegenstand der Wohlfahrt, aber nicht mehr Teil des sozioökonomischen Kooperationsgefüges. Es ist also nicht so sehr der Befund wachsender Ungleichheit, sondern derjenige der Abkoppelung ganzer Bevölkerungsteile von wachsender Prosperität, der in vielen Ländern die Ungerechtigkeit der aktuellen Entwicklung ausmacht.

Dass ein Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte des Vermögens besitzt, ist noch kein Beweis von Ungerechtigkeit. Wenn aber extreme Vermögensungleichheit dazu führt, dass einige wenige die Geschicke der Welt nach ihren Vorstellungen gestalten, während mehr als zwei Milliarden Menschen unter unwürdigen Bedingungen und einer Kaufkraft von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, dann gibt es ein Gerechtigkeitsdefizit.

Die Weltbank kommt in ihren Berechnungen zu dem Ergebnis, dass ein halbes Prozent des Weltsozialproduktes ausreichte, um diese Gruppe über die Schwelle von zwei Dollar Kaufkraft am Tag zu heben. Das anhaltende Weltelend kann daher nur als ein Skandal bezeichnet werden. Wenn die Weltgemeinschaft nicht die Kraft aufbringt, diesen Bruchteil des Weltsozialproduktes aufzubringen, um das menschenunwürdigste Elend zu beseitigen, dann muss von einem kollektiven politischen und humanitären Versagen gesprochen werden.

Statt aber eine Agenda der Weltsozialpolitik zu betreiben und in den ärmsten Regionen für wirtschaftliche Investitionen zu sorgen, durch gerechte Welthandelsverträge das Elend zu mildern und Marktzugänge zu den reichen Ökonomien zu öffnen, diskutiert die Welt fast ausschließlich die Problematik der transkontinentalen Migration und der Bürgerkriege im Mittleren Osten und in Nordafrika. Auch die großzügigste Aufnahme von Flüchtlingen aus den Armutsregionen wird das Weltelend aber nicht nennenswert mildern können. Eine groteske Wiederauflage des Ost-West-Konflikts behindert zudem ein kraftvolles Agieren der Vereinten Nationen und des UN-Sicherheitsrates, um das zum Teil erst mit Hilfe westlicher Interventionspolitik angerichtete Chaos zu beheben. Dieses ist nicht nur für einen Großteil der aktuellen Flüchtlingsbewegungen verantwortlich, sondern bringt auch Hunderttausenden Zivilisten den Tod.

Weitere Themen

„Sind beide geeignet und beide bereit“ Video-Seite öffnen

Laschet und Söder über K-Frage : „Sind beide geeignet und beide bereit“

In der Frage um die Kanzlerkandidatur in der Union haben sich die Parteivorsitzenden Armin Laschet und Markus Söder zusammen als „geeignete Kandidaten“ präsentiert. Unabhängig von der Entscheidung, wer von beiden antritt, wollen sie eng zusammenarbeiten.

Topmeldungen

Laschet oder Söder? : Die Würfel sind gefallen

Zum ersten Mal hat Markus Söder erklärt, er sei bereit für die Kanzlerkandidatur. Zum ersten Mal hat er aber auch angedeutet, unter welchen Umständen er verzichtet. Das sollte für Armin Laschet kein Hindernis mehr sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.