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Griechische Schuldenkrise : Gut genährt dank Rousfetia

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Der Euroraum als Fluch

Nach einem kurzen Zwischenspiel der Nea Dimokratia, das von 1989 bis 1993 dauerte, kehrte die Pasok an die Macht zurück. Kurz vor Papandreous Tod 1996 übernahm Konstantinos Simitis, ein Jurist und Wirtschaftswissenschaftler, das Amt des Ministerpräsidenten. Simitis versuchte, wirtschaftspolitisch das Steuer herumzureißen. Er reduzierte die Neuverschuldung und verringerte die Staatsausgaben. Um zu Einnahmen zu kommen, privatisierte er sogar Staatsbetriebe, was unter Papandreou ein Tabu war. Simitis’ Maßnahmen waren erfolgreich: In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wuchs die griechische Wirtschaft.

Unter Simitis schaffte es Griechenland, mit frisierten Zahlen in den Euroraum aufgenommen zu werden. Was für die westeuropäischen Staaten ein wirtschaftlicher Gewinn war, entpuppte sich für Griechenland letztlich als ein Fluch. Nun kam das Land noch einfacher an zinsgünstige Anleihen. Simitis erkannte die Gefahr und versuchte gegenzusteuern. Bis 2004 bemühte er sich, den Klientelismus einzudämmen, doch das System erwies sich als stärker als er. Obwohl er Ministerpräsident und Vorsitzender der Pasok war, konnte er sich nicht durchsetzen.

Die Partei hatte eine Metamorphose durchgemacht: Sie war keine monolithische klientelistische Pyramide mit dem Patron an der Spitze mehr, sondern bestand nun aus relativ unabhängigen Teilnetzwerken. Deren Patrone verteilten selbständig die Rousfetia nach Gutdünken, denn sie hatten selbst Zugriff auf staatliche Mittel oder EU-Hilfsgelder. Als Simitis weiter zu bremsen versuchte, verdrängten ihn die Parteigranden von der Macht.

Nach dem neuerlichen Wahlsieg der Nea Dimokratia im Jahr 2004 ging es weiter wie zuvor: Die führenden Persönlichkeiten der ND waren nicht länger wohlhabende Konservative, sondern eine jüngere Generation, die von der Gier nach schnellem Geld getrieben wurde. Während ihrer Herrschaft nahm die Verschuldung unvorstellbare Ausmaße an. Anders als bei der Pasok sickerte aber kaum Geld nach unten durch. Die staatliche Schuldenpolitik verleitete die griechischen Banken nun dazu, ebenfalls Schulden zu machen. Die Banken wiederum animierten die Bürger, auf Kredit zu konsumieren.

Etwa zwei Jahrzehnte lang gab es so in Griechenland einen noch nie dagewesenen Wohlstand der breiten Bevölkerung. Aber es wurde nicht investiert. Die geliehenen Gelder flossen in den Konsum oder verschwanden auf der politischen Ebene auf Konten im Ausland. Das Ende dieser Entwicklung ist bekannt.

Der Verfasser Heinz. A. Richter lehrte Geschichte an der Universität Mannheim.

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