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Griechische Schuldenkrise : Gut genährt dank Rousfetia

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Ein wichtiger Aspekt des Klientelismus ist die faktische Steuerfreiheit der Reichen. Die politischen und wirtschaftlichen Oligarchien waren und sind aufs engste miteinander verfilzt und sorgen dafür, dass die gesamte Oberschicht steuerfrei bleibt. Bis heute kontrollieren etwa 800 Familien mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die staatlichen Einnahmen stammten zum größten Teil aus indirekten Steuern und der Lohnsteuer, die die kleinen Leute bezahlen.

Jeder vierte Beschäftigte im öffentlichen Dienst

Zu einer Industrialisierung wie in Westeuropa kam es in Griechenland nie. Die wirtschaftlichen Schwerpunkte lagen in der Landwirtschaft, dem Tourismus und dem Handel sowie der Schifffahrt. Ein chronischer Mangel an Arbeitsplätzen war die Folge und führte in der Vergangenheit zu Auswanderung. Um ihre Klientel an sich zu binden, sorgte die jeweils regierende Partei dafür, dass ihre Anhänger Arbeit im öffentlichen Dienst fanden, der dadurch immer größer wurde. Heute arbeitet jeder vierte Beschäftigte im öffentlichen Dienst. In Deutschland ist es jeder zwölfte.

Mehrmals war der griechische Staat in seiner Geschichte bankrott. Erstmals wurde Griechenland im Jahr 1895 unter europäische Finanzaufsicht gestellt. Aber die griechische Oligarchie wusste, dass Großbritannien sie immer wieder vor dem Untergang retten würde. Die Schutzmacht brauchte Griechenland als Glied in der Absicherung der „Life Line“ des Empires durch das Mittelmeer. Als 1948/49 die zweite große Pleite folgte, sprangen die Vereinigten Staaten in die Bresche und retteten das Land. In diesem Fall diente die angebliche kommunistische Gefahr als Vorwand. Als sich die Amerikaner Mitte der fünfziger Jahren weigerten, Griechenland weiterhin finanziell zu unterstützen, suchte Athen sich einen neuen Geldgeber: Deutschland. Aus Bonn erhielt das Land Reparationszahlungen in Höhe von 315 Millionen Mark. Griechenland und Jugoslawien waren die einzigen Staaten, die nach dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 Reparationen erhielten.

Es gab im 20. Jahrhundert eine einzige Chance, den Klientelismus zu überwinden, nämlich am Ende des Zweiten Weltkriegs. Da während der deutschen Okkupation der Zugang zu staatlichen Geldern versperrt war, wurden die alten Parteistrukturen allmählich bedeutungslos. Die Bevölkerung wandte sich daraufhin den aus der linken Résistance hervorgehenden Kräften zu, die in den von den Partisanen kontrollierten Regionen den griechischen Staat von den Wurzeln her neu aufbauten. Diese Kräfte umfassten alle progressiven Elemente der Gesellschaft von den Liberalen bis zu den Kommunisten. Der neue Staat mit seinem aus freien Wahlen hervorgegangenen „Parlament in den Bergen“ kannte keinen Klientelismus und keine Rousfetia. Am Horizont zeichnete sich eine Nachkriegsrepublik mit politischen Strukturen ab, die denen der westeuropäischen Staaten ähnelten.

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