https://www.faz.net/-gpf-85cbd

Griechische Schuldenkrise : Gut genährt dank Rousfetia

  • -Aktualisiert am

Nun wurde der Klientelismus zu einem Zwangsmittel, um dem Einzelnen seinen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Die Patrone stellten rasch fest, wie der Klientelismus zu politischen Zwecken eingesetzt werden konnte. Sie nutzten ihre Machtposition, um ihrer Klientel Gefälligkeiten zu erweisen; der griechische Begriff dafür lautet Rousfetia. Dazu verwendeten sie oft gestohlene staatliche Gelder oder vermittelten Posten in der Verwaltung. Als Gegenleistung erwarteten sie treue Gefolgschaft.

Der erste griechische König war ein Monarch von Gnaden der Großmächte. Diese übten ihren Einfluss auf das Land aus, indem sie ihre Anhänger kontrollierten, die in sogenannten „Parteien“ organisiert waren. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um klientelistische Netzwerke, und das zunächst in dreifacher Ausfertigung: es gab eine russische, eine englische und eine französische Partei. 1862 setzte Großbritannien eine neue Dynastie ein. Von nun an folgten die griechischen Könige und Politiker der Maxime: „Was will der ausländische Faktor?“

Klientelistische Pyramiden

Als Großbritannien die alleinige Schutzmacht wurde, entstanden „politische“ Parteien, nämlich eine liberale und eine konservative. An deren Charakter änderte sich aber nichts: Es waren klientelistische Pyramiden, die durch ein raffiniertes System von Rousfetia zusammengehalten wurden. Der Staat blieb Ausbeutungsobjekt der jeweiligen Anführer der klientelistischen Pyramide. Stimmenkauf bei Parlamentswahlen und Wahlfälschungen waren normale politische Erscheinungen. Ende des 19. Jahrhunderts charakterisierte ein griechischer Abgeordneter dieses System als politische Zuhälterei.

Auch im 20. Jahrhundert hatten die griechischen Parteien mit ihren europäischen Entsprechungen nichts gemein. Parteiprogramme oder Parteitage waren ebenso unbekannt wie eine innerparteiliche Willensbildung von unten nach oben. Die Partei war die Klientel des Parteiführers und seiner Granden. Bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entschieden die Parteiführer souverän über den einzuschlagenden Kurs.

Faktische Steuerfreiheit der Reichen

Danach verschob sich das Hauptgewicht zu den Parteigranden. Konflikte innerhalb einer Partei wurden nicht durch Diskussion und Kompromiss gelöst, sondern dadurch, dass die Dissidenten mit ihrem klientelistischen Subnetz die Partei verließen und sich einer anderen klientelistischen Pyramide anschlossen. Parteiloyalität hing davon ab, welche Rousfetia der Parteiführer seiner Klientel zukommen lassen konnte. Machtwechsel kamen oft dadurch zustande, dass sich Teilnetze anderen Parteiführern anschlossen. So hat etwa die jetzige Regierungspartei Syriza Subnetze der langjährigen sozialistischen Regierungspartei Pasok absorbiert.

Der Klientelismus ist so stark in der politischen Kultur der Region verankert, dass er sogar in der Lage war, die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts zur Anpassung zu zwingen. Auf dem Balkan wurde der Faschismus zu einem Klientelfaschismus. Der griechische faschistische Diktator Ioannis Metaxas (1871-1941) verkündete stolz, dass er keine Massenpartei brauchte, weil das ganze Volk Partei gewesen sei. Tatsächlich zerschlug Metaxas die alten Klientelnetze und richtete die Überreste auf sich aus: Es gab nur noch eine Klientel mit ihm als Führer. Der Aufbau einer faschistischen Massenpartei wie in Deutschland oder Italien wäre systemfremd gewesen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Amerikanische Linke : Selbst ernannte „Drecksäcke“

Alles oder nichts: Wird ihr Favorit Bernie Sanders nicht Präsidentschaftskandidat, wollen linke Anhänger der Demokraten nicht zur Wahl gehen. Auch wenn Trump dadurch im Amt bleibt.
Nach einer jahrelangen Boomphase kühle die Konjunktur in Baden-Württemberg inzwischen ab: Grund seien die Exportabhängigkeit des Landes sowie die strukturellen Herausforderungen der Autobranche.

Schleichende Zunahme : Wo die Arbeitslosigkeit jetzt schon steigt

Trotz schwächelnder Konjunktur sehen die Zahlen vom deutschen Arbeitsmarkt weiterhin ziemlich gut aus. In einigen Landkreisen ist jedoch eine schleichende Zunahme zu beobachten – ausgerechnet im Süden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.