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Vor 30 Jahren : Ein Zusammenprall der Kulturen?

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Bücherverbrennung in Bradford am 4. Januar 1989 Bild: Getty

Vor 30 Jahren rief der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie und seinen Unterstützern auf. Leben wir seither in einem neuen Zeitalter der Blasphemie?

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          Es war alles andere als eine Liebesbotschaft, was am Valentinstag 1989 im Teheraner Rundfunk zu hören war: „Hiermit informiere ich die frommen Muslime in aller Welt darüber, dass der Autor des Buches ,Die Satanischen Verse‘ zusammen mit allen Unterstützern zum Tode verurteilt ist. Ich rufe alle Muslime auf, sie, ohne zu zögern, zu töten.“ Sollte jemand im Zuge von Aktionen seinerseits getötet werden, dann würde er zum Märtyrer.

          Dieser Aufruf von Ajatollah Chomeini, dem iranischen Revolutionsführer und geistlichen Oberhaupt des Landes, wurde als autoritative Rechtsauslegung annonciert, als „Fatwa“. Der für westliche Ohren neue Begriff war schnell in aller Munde. Nur wenig später hatte der Schriftsteller Salman Rushdie den ersten Reporter am Telefon. Wie fühlt es sich an, so wurde er gefragt, von Chomeini zum Tode verurteilt worden zu sein? Nicht gut, antwortete er mit britischem Understatement. Insgeheim aber fragte er sich, so schreibt er in seiner im Jahr 2013 veröffentlichten Autobiographie, ob er noch Tage oder Wochen zu leben habe. Rushdie schloss die Tür ab, zog die Jalousien herunter und verließ wenig später sein Haus, in das er nie wieder zurückkehren sollte.

          In den Monaten zuvor, nach dem Erscheinen der „Satanischen Verse“ Ende September 1988, waren Kritik und Proteste stetig gewachsen. Indien und andere Länder verhängten Einfuhrverbote. In Großbritannien fanden die ersten Demonstrationen von Muslimen zunächst wenig Beachtung. Aber dann wurde in Bradford, der „Curry-Kapitale“ in West Yorkshire mit ihrem hohen Anteil von Migrantenfamilien aus dem indischen Subkontinent, am 4. Januar 1989 eine öffentliche Verbrennung der „Satanischen Verse“ inszeniert – ein Vorgeschmack auf die Tötungsparolen und die symbolischen Hinrichtungen, die das Leben des Schriftstellers von nun an begleiten sollten.

          Am 28. Januar erreichten die Proteste London. 8000 Muslime marschierten zum Hyde Park. Die Demonstranten in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad am 12. Februar beließen es nicht bei Parolen wie „Hängt Salman Rushdie!“. Sie stürmten ein US-Kulturzentrum und holten die amerikanische Flagge vom Dach. Die Polizei eröffnete das Feuer und tötete mehrere Protestierende.

          Mit seiner zwei Tage später veröffentlichten Fatwa setzte sich Chomeini gleichsam an die Spitze des Protestes. Weit über Iran und über die Gemeinschaft der Schiiten hinaus wurde er zum Idol vieler Muslime, die ihren Glauben, ja ihre Identität durch die „Satanischen Verse“ geschmäht sahen. Nicht zuletzt dürfte der todkranke Revolutionsführer das Verdikt allerdings mit Blick auf die innenpolitische Situation seines Landes verfasst haben. Als ein Schachzug im Ringen zwischen Radikalen und Gemäßigten sollte die Fatwa eine Annäherung des Landes an den Westen torpedieren – das Kalkül ging zunächst auf. Außerdem lag es nahe, nach dem zermürbenden und verlustreichen ersten Golfkrieg gegen den Irak ein neues Feindbild zu suchen, um die innere Schwäche und Zerrissenheit Irans zu überdecken.

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