https://www.faz.net/-gpf-6zryp

Salafismus : Gewalttätige Gegenkultur

  • -Aktualisiert am

Die meisten muslimischen Gemeinden in Deutschland sind nach ethnischer Zugehörigkeit organisiert. Der Salafismus überschreitet diese Grenze - und viele andere auch.

          10 Min.

          Was Mitte der neunziger Jahre die Sicherheitsbehörden auf den Plan rief, ist nicht erst seit der Koranverteilaktion in deutschen Fußgängerzonen zum gesellschaftspolitischen Thema geworden: Innerhalb weniger Jahre hat sich der Salafismus zu einer Gegenkultur vornehmlich junger Erwachsener und Jugendlicher entwickelt, in der sich Weltflucht, saudi-arabische Missionierungspolitik und Ablehnung von Aufklärung und westlicher Zivilisation treffen. Der Bundesverfassungsschutz weist zu Recht auf die Verbindungen der salafistischen Szene zu internationalen Terrororganisationen vom Schlage Al Qaidas hin. Doch jenseits seiner Funktion als Ideologie zur Rechtfertigung religiöser Gewalt sollte der Erfolg des Salafismus in Deutschland vor allem als politisches Thema begriffen werden.

          As-salaf as-salih - das ist die arabische Bezeichnung der „frommen Altvordern“. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Anhänger Mohammeds, die als perfekte, islamische Gemeinschaft vorgestellt werden. Von ihnen leitet sich der Begriff Salafismus her. Salafisten folgen keiner der vier Rechtsschulen des Islam. Das trennt sie von den meisten anderen Islamisten. Koran und Sunna gelten ihnen als alleinige Quellen für das islamgemäße Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft. Ziel ist, dem perfekten Vorbild des Gottgesandten Mohammed nachzueifern: von Gebet und Kleidung über Familienleben und Sexualverhalten bis hin zu Essgewohnheiten und Zahnpflege. Abweichendes Verhalten gilt bereits als Anzeichen fehlgeleiteter Anbetung des einzigen Gottes.

          Der heutige Salafismus beruht auf drei älteren islamischen Strömungen: dem saudi-arabischen Wahhabismus, der indischen Ahl-e-Hadith-Bewegung und den muslimischen Reformern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Ägypten und dem Gebiet des heutigen Syrien. Der Wahhabismus ist der historisch älteste dieser drei Versuche, islamische Doktrin und Praxis von vermeintlich unislamischen Neuerungen zu reinigen. Er geht zurück auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, der im 18. Jahrhundert mit Muhammad bin Saud, einem Stammesführer der Arabischen Halbinsel, ein Bündnis einging, das noch heute Saudi-Arabien bestimmt: Die islamische Geistlichkeit, die Ulama, verleiht der Regierung des Hauses al-Saud religiöse Legitimität und erhält dafür Macht über öffentliche und soziale Angelegenheiten. Die Wahhabiten erklärten viele andere islamische Strömungen zu Feinden und bekämpften populäre muslimische Praktiken wie Heiligenverehrung oder die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten.

          Die wahhabitische Forderung nach Koran und Sunna als den alleinigen Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung widersprach jedoch der eigenen Rechtspraxis, die sich auf die hanbalitische Schule stützte. Darum suchten die Gelehrten Saudi-Arabiens den Kontakt zur indischen Bewegung der Ahl-e-Hadith, welche menschliche Vernunft ebenso als erkenntnistheoretisch wertlos zurückwies. Durch das Studium der Hadith-Literatur, also der Überlieferungen der Taten und Aussagen Mohammeds, suchten ihre Gelehrten die Rechtsschulen zu umgehen.

          Den gleichen Ansatz verfolgte im 20. Jahrhundert auch Muhammad Nasiruddin al-Albani, der bis heute zu den einflussreichsten salafistischen Predigern zählt. Der albanische Geistliche wurde in jungen Jahren von muslimischen Reformern beeinflusst, die in ihrem Kairoer Journal „Al-Manar“ gegen europäischen Expansionismus und für eine islamische Erneuerung schrieben. Anfänglich versuchten die Protagonisten dieser Reformbewegung, europäisches Denken für eine islamische Renaissance fruchtbar zu machen. Nach dem Ersten Weltkrieg aber und dem Zerfall des Kalifats wurde ihr Ton dezidiert antiwestlich. Zivilisationsfeindliche Schriften europäischer Autoren wie Oswald Spengler und Stuart Chamberlain stießen auf Interesse im Nahen Osten und bestärkten die muslimischen Reformer in ihrer Überzeugung, die westliche Welt sei verdorben und dem Untergang geweiht. Sie orientierten sich nun verstärkt an Saudi-Arabien. Al-Albani machte es sich dabei zum Ziel, durch intensive Hadith-Forschung den Wahhabismus selbst von angeblichen Neuerungen zu reinigen. Seit den sechziger Jahren gewann die an al-Albani orientierte Neo-Ahl-e-Hadith an Einfluss. Eine ihrer Abspaltungen stürmte 1979 die Moschee in Mekka. Der größere Teil aber verteidigte das Königshaus einschließlich der Entscheidung während des 2. Golfkriegs, amerikanische Truppen ins Land zu lassen.

          Dennoch wuchs die teilweise auch militante Opposition. Großzügig unterstützte das Königshaus mit seinen Ölgeldern nicht nur die Ausbreitung der eigenen Ideologie, sondern auch den Kampf der Gotteskrieger in aller Welt, hoffend, im Kampf gegen die Ungläubigen auch gleichzeitig der jungen Heißsporne ledig zu werden, welche die Stabilität des Königreichs bedrohten. Viele von ihnen gingen in den achtziger und neunziger Jahren nach Afghanistan und schlossen sich Al Qaida an.

          In Deutschland war die salafistische Szene bis zur Mitte des neunziger Jahre klein und meist nur regional aktiv. Jedoch entstanden bald einige gewaltorientierte Gruppierungen, die es vermochten, neben der traditionell arabischstämmigen Klientel auch die Nachkommen türkischer Einwanderer sowie Herkunftsdeutsche anzusprechen.

          Der bekannteste Zusammenschluss dieser Art war seit 1996 im Multikulturhaus e.V. in Neu-Ulm ansässig. Die Köpfe der Szene waren allesamt Exil-Ägypter mit guten Kontakten zu den ägyptischen Salafisten, aber auch zu Führungszirkeln Al Qaidas. Zwei von ihnen kannten sich seit Jahren, weil sie gemeinsam islamistische Freischärler im jugoslawischen Bürgerkrieg unterstützt hatten: Einer von beiden war selbst in Bosnien gewesen und hatte unter anderem Propagandavideos über Hinrichtungen von Gefangenen der Mudschahedin gedreht. Mehrere Jugendliche der Ulmer Szene zeigten sich begeistert und zogen selbst nach Tschetschenien, Pakistan oder Afghanistan in den Dschihad. Auch zwei Mitglieder der späteren Sauerland-Zelle waren darunter. Der bayrische Verfassungsschutz sprach von „einer massiven, gebetsmühlenartigen Hetze gegen die parlamentarische Demokratie, gegen Andersgläubige, gegen Juden und den Staat Israel“. Im Jahr 2005 wurde der Ulmer Verein verboten. Viele Mitglieder orientierten sich, auch angezogen von der saudi-arabischen König-Fahd-Akademie, in Richtung Bonn. Dort formierte sich eine neue Szene.

          Mitte der neunziger Jahre hatte der in Bonn ansässige Prediger Mohamed Benhsain gemeinsam mit dem Leipziger Imam Hassan Dabbagh begonnen, überregionale Islam-Seminare zu organisieren. Es waren die ersten Versuche in Deutschland, mit der „Dawa-Arbeit“, also der Werbung für einen Islam salafistischer Prägung, ein größeres Publikum zu erreichen. Von 2002 an intensivierte sich die Arbeit einiger Prediger, die überwiegend aus Marokko, Ägypten und Syrien stammten und von dem Gelehrtennetzwerk zweier Schüler al-Albanis dominiert waren. Neue, salafistisch geprägte Moscheegemeinden entstanden, einige bestehende Gemeinden wurde „salafistisiert“. Die wachsende Zahl auch jüngerer Prediger fand vor allem unter Jugendlichen großen Zuspruch. Manch ein Moscheevorstand war froh über die Veranstaltungen mit den publikumswirksamen Predigern, welche die Sprache der jüngeren Generation zu sprechen schienen. Einer von ihnen war Pierre Vogel, zweifellos das bekannteste Gesicht des Salafismus in Deutschland.

          2001 war er konvertiert, hatte seine mäßig erfolgreiche Boxkarriere beendet, ein paar Semester in Mekka studiert und war dann ins heimatliche Bonn zurückgekehrt. 2005 traf er den palästinensischen Geschäftsmann Ibrahim Abou Nagie. Sie beschlossen, in die Debatte über das Kopftuchverbot für Lehrerinnen einzugreifen, produzierten und verteilten eine Video-CD, auf der sie das Kopftuch zur Pflicht erklärten. Bestärkt von der Resonanz, erstellten sie eine Website, auf der fortan eine wachsende Zahl salafistischer Vorträge dokumentiert wurde. Das war der Anfang der Gruppe „Die Wahre Religion“ (DWR), die fortan in Moscheen und Veranstaltungsorten in ganz Deutschland auftrat.

          Doch 2008 kam es zum Zerwürfnis mit Vogel. Nach außen behauptete DWR, man verfolge in der Werbung für den Islam verschiedene Strategien. Tatsächlich aber hatte Vogel Probleme mit den Aufrufen zum Dschihad und schloss sich einer anderen salafistischen Gruppe an, „Einladung zum Paradies“ (EZP). Sie beruht auf einem Zusammenschluss von Salafisten aus Wuppertal und Braunschweig unter der Führung des Deutsch-Türken Muhamed Ciftci.

          Ciftci war so etwas wie eine islamische Autorität, hatte er doch in Medina ein Scharia-Studium absolviert und anschließend einige Zeit in Saudi-Arabien gepredigt. Zurück in Deutschland, eröffnete er eine Online-Islamschule und half bei der deutschlandweiten Vernetzung der salafistischen Szene. Seine Herkunft half Ciftci, auch unter türkischstämmigen Jugendlichen Anhänger zu werben. Ideologisch stehen die beiden Prediger Hassan Dabbagh nahe, mit dem sie oft auch gemeinsam Vorträge organisieren.

          Vogel behielt innerhalb der Gruppe eine gewisse Sonderstellung bei. Nicht nur war er der populärste Prediger, in seinen Vorträgen setzte er zunehmend auf Konfrontation. Immer wieder verglich er die Lage der Muslime in Deutschland mit dem, was er von der Lage der Juden unter den Nazis zu wissen glaubte: „Entweder wird der Sieg sein, dass die Leute den Islam annehmen oder dass man vertrieben . . . oder sogar Schahid (Märtyrer) wird.“

          Der Aufruf Vogels zu einem Totengebet für Usama Bin Ladin im Mai 2010 besiegelte das vorläufige Ende seiner Arbeit bei EZP. Doch da hatte Vogel sich mit DWR wieder ausgesöhnt. Interne Konflikte sind unter Salafisten keine Seltenheit. Insbesondere im Internet werfen sich die Anhänger verschiedener Prediger wahlweise vor, extremistisch verirrt oder ungläubig zu sein, und diskutieren, welche Moscheen und Seminare vom Unglauben verunreinigt seien.

          Trotz der Querelen wuchs die Szene weiter. Heute ist es schwer, eine größere Stadt ohne salafistischen Treffpunkt zu finden. Unterstützung erhielt der Salafismus vor allem vom Golf, unter anderem durch die zahlreichen kostenlosen Publikationen saudischer Geistlicher, die zumeist von deutschen Salafisten übersetzt und dann verteilt wurden. Es floss aber auch Geld, zum Beispiel zur Errichtung der Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln, aus deren Anhängerschaft ganze Freundeskreise ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zum Dschihad aufgebrochen sind.

          Es wäre jedoch zu einfach, die Ausbreitung des Salafismus als Ergebnis eines Propagandafeldzugs der Golf-Staaten zu betrachten. Sein Erfolg ist ebenso ein Ergebnis der Globalisierung. Der Salafismus spricht den Einzelnen unabhängig von Herkunft, Sprache oder Kultur an und bezieht sich auf kein bestimmtes Territorium. Das macht ihn attraktiv in einer Zeit, in der weltweite Migration und nie dagewesene Mobilität traditionelle Identitäten in Frage stellen. Zugleich etabliert der Salafismus eine Gegenkultur mit festen Regeln und Rollenbildern. Diese verspricht Halt in einer Welt, in der man sich im Zweifelsfall allein durchbeißen muss.

          Während die meisten muslimischen Gemeinden in Deutschland nach Herkunft der Einwanderer getrennt organisiert sind, bieten salafistische Gruppen eine neue, vereinende Identität. Mehr noch - innerhalb kürzester Zeit dürfen sich die Anhänger berufen fühlen, gegen eine moralisch korrumpierte Welt zu kämpfen und der verirrten muslimischen Gemeinschaft den rechten Weg zu weisen.

          Doch wie steht es um die Einheit der Salafisten? Die unterschiedlichen Standpunkte salafistischer Gruppen beruhen nicht etwa auf doktrinären Unterschieden, sondern auf der Mehrdeutigkeit von Koran und Sunna selbst. Bei aller Akribie in der Erforschung der Gebote Gottes und des Lebenswandels Mohammeds müssen Salafisten doch stets aufs Neue beurteilen, welche religiöse Vorschrift auf welches zeitgenössische Problem zutrifft. Ist die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland zu bekämpfen, oder kann Mohammeds Friedensvertrag zwischen Muslimen und Ungläubigen als Präzedenzfall für zeitweiliges Zusammenleben gelten? Sind die Kämpfer Al Qaidas moderne Mudschahedin oder eher verirrte Radikale? Die Antwort auf Fragen wie diese hängt von der Interpretation islamischer Quellen ab und damit von etwas, was Salafisten eigentlich als unislamisch zurückweisen. In ihrem Verständnis müssen sich bei getreuer Beschäftigung mit dem Islam die Antworten auf alle Fragen ganz von selbst ergeben. Wes Herz sich Allah öffnet, der handelt auch in seinem Auftrag.

          Wer allerdings von sich glaubt, unmittelbar das Gebot Gottes zu vertreten, und menschliche Vernunft als Teufelswerk ablehnt, mit dem ist schwer zu argumentieren - und doch geben sich die jungen Salafisten in den Fußgängerzonen betont offen und diskussionsfreudig. In Online-Vorträgen und Moschee-Seminaren können sie ihr Überzeugungshandwerk von den Großen der Szene lernen. In Kursen wie „Dawa für Muslime“ und „Dawa für Atheisten“ können sie gezielt die richtigen Argumente einstudieren. In der Tat ähneln sich Verkäufer und Salafist in einem Punkt: Es kommt ihnen weniger auf Vernunft und Stichhaltigkeit als auf das Ergebnis an - Konversion als Verkaufsabschluss.

          Obwohl griechischer Philosophie abhold, nutzen Salafisten doch auch aristotelische Logik, wenn es gerade ins Missionsgespräch passt. So wird Christen gewitzt entgegengehalten, wie denn Jesus der allwissende Gott sein könne, wenn er in Markus 13,32 sagt, nur Gott kenne den Tag des Jüngsten Gerichts. Hinweise auf Widersprüche in der eigenen Lehre werden hingegen als Philosophie zurückgewiesen. Wie zum Beispiel verträgt sich das wortwörtliche Verständnis von Koran und Sunna mit dem Verbot der Personifikation Gottes? Sitzt Allah, wie es die Sunna sagt, auf einem Thron, hat Haare, Gesicht und Gliedmaßen? Wie aber ist er dann absolut verschieden vom Menschen? Das müsse man einfach hinnehmen. „Bila kayfa“ - ohne „wie“ zu fragen, wird das genannt.

          Solch pragmatisches Verhältnis zu Rationalität zeichnet das Vorgehen der Salafisten generell aus. Der Ruf zum Islam wird mit modernster Technik ins Werk gesetzt. Blumenwiesen, Wasserfälle, Weltraumaufnahmen dienen als Hintergrundbilder für Live-Bekehrungen per Internet. Auf der Facebook-Seite einer der Moderatoren des gewaltaffinen Ahlu-Sunna-Forums aus Hamburg sieht man die Bilder von grünen Kanarienvögeln, denn laut Koran werden die Märtyrer im Paradies um den Thron Gottes flattern. Die Profilbilder der Forum-User zeigen neben schwarzen Fahnen auch schwertschwingende, islamische Helden auf sich aufbäumenden Pferden. User-Namen gleichen oft den sagenumwobenen Gefährten Mohammeds. In ihrer Phantasie leben die Salafisten die Urgeschichte des Islam fort und träumen sich in eine goldene Vergangenheit, die zugleich auch Zukunft sein soll.

          Salafismus ist neben allem auch Weltflucht. Das passt zur radikalen Abkehr von der Idee, der Einzelne an sich könne einen Wert haben. Dem Salafismus gilt menschliches Handeln und Denken als solches für nichtig oder gar Blasphemie. Nicht nur ist Allah der alleinige, allmächtige und allwissende Herr der Welt, der samt seinen Namen und Eigenschaften mit nichts verglichen werden kann, sondern auch alle Anbetung darf nur ihm gelten. Hierbei wird „Anbetung“ recht umfassend ausgelegt. Je nach Gelehrtem können auch Demokratie oder Gewinnstreben als Götzendienst darunter fallen. Abou Nagie: „Wenn Du einen Präsidenten anbetest, hast Du Allahu Akbar nicht verstanden. Wenn Du Deine Frau anbetest, hast Du Allahu Akbar nicht verstanden. Wenn Du das Geld anbetest, dann hast Du Allahu Akbar nicht verstanden.“ Mit ähnlichen Argumenten haben die Ideologen Al Qaidas ganze muslimische Regime zu Ungläubigen und damit legitimen Zielen des Dschihad erklärt.

          Viel wurde in den vergangenen Jahren in der Bekämpfung der dschihadistischen Strömung des Salafismus erreicht. Mehrere zu Gewalt aufrufende Internetseiten wurden geschlossen, die Unterstützer militanter Gruppen im In- und Ausland verhaftet. Fast alle Anschläge konnten vereitelt werden. Doch kann die Aktivität der Sicherheitsbehörden weder Angriffe ausschließen, noch ist der salafistischen Bewegung durch Verbote allein beizukommen. Denn auch die Kreise, die strafrechtlich nicht belangt werden können, spielen bei der Radikalisierung späterer Dschihadisten eine wichtige Rolle. Von der Abwertung des Lebens und der angeblichen Bedrohung des reinen Islam ist es kein weiter Schritt, Andersgläubige zu Feinden zu erklären, für deren Vernichtung das eigene, an sich ohnehin wertlose Leben billiges Opfer ist.

          So waren auch die von Dabbagh und Benhsain organisierten Islam-Seminare ein Schritt auf dem Weg der Radikalisierung einiger Militanter. Bekkay Harrach, ein späterer Al-Qaida-Kämpfer, der vor der Bundestagswahl 2009 Deutschland mit Attentaten drohte, hielt auf den Seminaren Vorträge. Auch Eric Breininger, der sich innerhalb weniger Monate radikalisierte und der „Islamischen Dschihad Union“ anschloss, war als Besucher dort. In einigen Fällen wurden juristische Mittel überstrapaziert, die politische Isolation des Salafismus aber vernachlässigt. 2008 etwa ermittelte die Polizei gegen Hassan Dabbagh und andere Prediger wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ende 2010 durchsuchte sie die Einrichtungen von EZP. Straf- und Verbotsverfahren mussten jedoch eingestellt werden.

          Auf der anderen Seite wurden Vogel und Dabbagh in Talk-Shows wie Maischberger und Sabine Christiansen Podien geboten, in denen sie sich als moderate Vertreter des wahren Islam darstellen konnten. Noch gravierender scheint allerdings die Zusammenarbeit mit salafistischen Gruppen auf lokaler Ebene, insbesondere dort, wo sie die muslimische Gemeinde weitestgehend dominieren. Im Bonner „Rat der Muslime“, aber auch in einigen ostdeutschen Städten dominieren Prediger, die dem Salafismus verbunden sind. Der salafistische Imam des Dabbagh nahestehenden Erfurter Moscheevereins arbeitet als Seelsorger in der größten Thüringer Justizvollzugsanstalt. Die Stadt Rostock stiftete 2010 gar einen Architekturwettbewerb für den örtlichen Islamverein, dessen Türen in der Vergangenheit immer wieder salafistischen Predigern offenstanden und für dessen Moscheebauprojekt nach Angaben des Vereinsvorstands die „Muslimische Weltliga“ aus Saudi-Arabien 75 Prozent der Mittel bereitstellen will. Die konsequente, politische Isolation des Salafismus und seiner Ideologen steht noch am Anfang.

          Weitere Themen

          EU sichert sich weitere Impfdosen Video-Seite öffnen

          Corona : EU sichert sich weitere Impfdosen

          Die EU-Kommission hat einen Vertrag über 160 Millionen Corona-Schutzimpfungen mit dem amerikanischen Hersteller Moderna geschlossen.

          Topmeldungen

          Vor der Bund-Länder-Schalte : Die Suche nach dem Weihnachtsfrieden

          Größtenteils unterstütze sie die Corona-Überlegungen der Länder, sagt die Kanzlerin vor den Gesprächen am Mittwoch. Der Bundespräsident warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft – und der Antisemitismusbeauftragte vor wachsendem Judenhass.
          Gute Bekannte: Joe Biden mit dem früheren amerikanischen Außenminister John Kerry, der Sonderbeauftragter für Klimaschutz werden soll

          Team aus alten Weggefährten : Das soll Bidens Kabinett werden

          Mehr Frauen, weniger schillernde Figuren – und ein deutliches Bekenntnis zum Klimaschutz: Joe Bidens künftiges Kabinett bildet einen deutlichen Kontrast zu dem seines Amtsvorgängers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.