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Salafismus : Gewalttätige Gegenkultur

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Mitte der neunziger Jahre hatte der in Bonn ansässige Prediger Mohamed Benhsain gemeinsam mit dem Leipziger Imam Hassan Dabbagh begonnen, überregionale Islam-Seminare zu organisieren. Es waren die ersten Versuche in Deutschland, mit der „Dawa-Arbeit“, also der Werbung für einen Islam salafistischer Prägung, ein größeres Publikum zu erreichen. Von 2002 an intensivierte sich die Arbeit einiger Prediger, die überwiegend aus Marokko, Ägypten und Syrien stammten und von dem Gelehrtennetzwerk zweier Schüler al-Albanis dominiert waren. Neue, salafistisch geprägte Moscheegemeinden entstanden, einige bestehende Gemeinden wurde „salafistisiert“. Die wachsende Zahl auch jüngerer Prediger fand vor allem unter Jugendlichen großen Zuspruch. Manch ein Moscheevorstand war froh über die Veranstaltungen mit den publikumswirksamen Predigern, welche die Sprache der jüngeren Generation zu sprechen schienen. Einer von ihnen war Pierre Vogel, zweifellos das bekannteste Gesicht des Salafismus in Deutschland.

2001 war er konvertiert, hatte seine mäßig erfolgreiche Boxkarriere beendet, ein paar Semester in Mekka studiert und war dann ins heimatliche Bonn zurückgekehrt. 2005 traf er den palästinensischen Geschäftsmann Ibrahim Abou Nagie. Sie beschlossen, in die Debatte über das Kopftuchverbot für Lehrerinnen einzugreifen, produzierten und verteilten eine Video-CD, auf der sie das Kopftuch zur Pflicht erklärten. Bestärkt von der Resonanz, erstellten sie eine Website, auf der fortan eine wachsende Zahl salafistischer Vorträge dokumentiert wurde. Das war der Anfang der Gruppe „Die Wahre Religion“ (DWR), die fortan in Moscheen und Veranstaltungsorten in ganz Deutschland auftrat.

Doch 2008 kam es zum Zerwürfnis mit Vogel. Nach außen behauptete DWR, man verfolge in der Werbung für den Islam verschiedene Strategien. Tatsächlich aber hatte Vogel Probleme mit den Aufrufen zum Dschihad und schloss sich einer anderen salafistischen Gruppe an, „Einladung zum Paradies“ (EZP). Sie beruht auf einem Zusammenschluss von Salafisten aus Wuppertal und Braunschweig unter der Führung des Deutsch-Türken Muhamed Ciftci.

Ciftci war so etwas wie eine islamische Autorität, hatte er doch in Medina ein Scharia-Studium absolviert und anschließend einige Zeit in Saudi-Arabien gepredigt. Zurück in Deutschland, eröffnete er eine Online-Islamschule und half bei der deutschlandweiten Vernetzung der salafistischen Szene. Seine Herkunft half Ciftci, auch unter türkischstämmigen Jugendlichen Anhänger zu werben. Ideologisch stehen die beiden Prediger Hassan Dabbagh nahe, mit dem sie oft auch gemeinsam Vorträge organisieren.

Vogel behielt innerhalb der Gruppe eine gewisse Sonderstellung bei. Nicht nur war er der populärste Prediger, in seinen Vorträgen setzte er zunehmend auf Konfrontation. Immer wieder verglich er die Lage der Muslime in Deutschland mit dem, was er von der Lage der Juden unter den Nazis zu wissen glaubte: „Entweder wird der Sieg sein, dass die Leute den Islam annehmen oder dass man vertrieben . . . oder sogar Schahid (Märtyrer) wird.“

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