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Salafismus : Gewalttätige Gegenkultur

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Den gleichen Ansatz verfolgte im 20. Jahrhundert auch Muhammad Nasiruddin al-Albani, der bis heute zu den einflussreichsten salafistischen Predigern zählt. Der albanische Geistliche wurde in jungen Jahren von muslimischen Reformern beeinflusst, die in ihrem Kairoer Journal „Al-Manar“ gegen europäischen Expansionismus und für eine islamische Erneuerung schrieben. Anfänglich versuchten die Protagonisten dieser Reformbewegung, europäisches Denken für eine islamische Renaissance fruchtbar zu machen. Nach dem Ersten Weltkrieg aber und dem Zerfall des Kalifats wurde ihr Ton dezidiert antiwestlich. Zivilisationsfeindliche Schriften europäischer Autoren wie Oswald Spengler und Stuart Chamberlain stießen auf Interesse im Nahen Osten und bestärkten die muslimischen Reformer in ihrer Überzeugung, die westliche Welt sei verdorben und dem Untergang geweiht. Sie orientierten sich nun verstärkt an Saudi-Arabien. Al-Albani machte es sich dabei zum Ziel, durch intensive Hadith-Forschung den Wahhabismus selbst von angeblichen Neuerungen zu reinigen. Seit den sechziger Jahren gewann die an al-Albani orientierte Neo-Ahl-e-Hadith an Einfluss. Eine ihrer Abspaltungen stürmte 1979 die Moschee in Mekka. Der größere Teil aber verteidigte das Königshaus einschließlich der Entscheidung während des 2. Golfkriegs, amerikanische Truppen ins Land zu lassen.

Dennoch wuchs die teilweise auch militante Opposition. Großzügig unterstützte das Königshaus mit seinen Ölgeldern nicht nur die Ausbreitung der eigenen Ideologie, sondern auch den Kampf der Gotteskrieger in aller Welt, hoffend, im Kampf gegen die Ungläubigen auch gleichzeitig der jungen Heißsporne ledig zu werden, welche die Stabilität des Königreichs bedrohten. Viele von ihnen gingen in den achtziger und neunziger Jahren nach Afghanistan und schlossen sich Al Qaida an.

In Deutschland war die salafistische Szene bis zur Mitte des neunziger Jahre klein und meist nur regional aktiv. Jedoch entstanden bald einige gewaltorientierte Gruppierungen, die es vermochten, neben der traditionell arabischstämmigen Klientel auch die Nachkommen türkischer Einwanderer sowie Herkunftsdeutsche anzusprechen.

Der bekannteste Zusammenschluss dieser Art war seit 1996 im Multikulturhaus e.V. in Neu-Ulm ansässig. Die Köpfe der Szene waren allesamt Exil-Ägypter mit guten Kontakten zu den ägyptischen Salafisten, aber auch zu Führungszirkeln Al Qaidas. Zwei von ihnen kannten sich seit Jahren, weil sie gemeinsam islamistische Freischärler im jugoslawischen Bürgerkrieg unterstützt hatten: Einer von beiden war selbst in Bosnien gewesen und hatte unter anderem Propagandavideos über Hinrichtungen von Gefangenen der Mudschahedin gedreht. Mehrere Jugendliche der Ulmer Szene zeigten sich begeistert und zogen selbst nach Tschetschenien, Pakistan oder Afghanistan in den Dschihad. Auch zwei Mitglieder der späteren Sauerland-Zelle waren darunter. Der bayrische Verfassungsschutz sprach von „einer massiven, gebetsmühlenartigen Hetze gegen die parlamentarische Demokratie, gegen Andersgläubige, gegen Juden und den Staat Israel“. Im Jahr 2005 wurde der Ulmer Verein verboten. Viele Mitglieder orientierten sich, auch angezogen von der saudi-arabischen König-Fahd-Akademie, in Richtung Bonn. Dort formierte sich eine neue Szene.

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